DFG-Projekt, UNANI MEDICINE

(DFG-TEILPROJEKT, BEARBEITET VON Prof. Dr. Stefan Reichmuth)

Medizinisches Wissen und plurale Kultur: Die graeco-islamische Medizin (ṭibb-i yūnānī/Unani Medicine) und ihre Darstellung in Südasien.

Gegenstand des Projektes ist die neuzeitliche Entwicklung der graeco-islamischen Medizin (tibb-i yunani/Unani Medicine, im folgenden „Unani-Medizin“) und ihrer Darstellung in Südasien, die sich von Anfang an bei den dortigen Muslimen unter den Bedingungen einer pluralen Text- und Bildkultur vollzog. Entsprechend ihrer unterschiedlichen politischen und kulturellen Verortung wird dabei heute in Indien der hellenistische, in Pakistan dagegen der islamische Ursprung dieser Medizin besonders hervorgehoben. In aktiver Auseinandersetzung mit den konkurrierenden indischen und europäischen Medizin-Traditionen konnte sie sich von einer über lange Zeit „hegemonialen“ zu einer „indigenen“ und schließlich zu einer „alternativen“ Therapieform entwickeln, die wie andere asiatische therapeutische Systeme derzeit einen starken Globalisierungs-Schub erfährt. Diese koloniale und postkoloniale Transformation medizinischen Wissens ging in starkem Maße von der Unani-Ärzteschaft selbst aus.
Ziel des Projektes ist die Klärung der Muster und Angebote kollektiver muslimischer Identität, die sich an der Entwicklung von pluralen Darstellungsformen, ärztlicher Praxis und Institutionalisierung der Unani-Medizin ablesen lassen.

Untersucht werden derzeit:

(1.) die historische Entwicklung der Bild- und Textwelten und der Darstellungsmedien der Unani-Medizin, die von Handschrift und Buchmalerei über Lithographie und andere Printmedien bis zu elaborierten Internet-Auftritten und -Zeitschriften in der Gegenwart reicht.

(2.) Unani-Medizin in der weiblichen und familiären Identitätsbildung in der kolonialen und postkolonialen Epoche (19.-21. Jh.): soziale Normen von Reinheit, Gesundheit und Hygiene und der weibliche Körper.