Environmentalität (EVONIK)

ENVIRONMENTALITÄT. GESCHICHTE, HERAUSFORDERUNGEN UND PERSPEKTIVEN EINER ALLGEMEINEN ÖKOLOGIE DER TECHNIKEN UND MEDIEN (PROF. DR. ERICH HÖRL)

Auch wenn die ökologische Frage die wahrscheinlich größte Herausforderung für die Politik, die Wissenschaften, Techniken und Gesellschaften des 21. Jahrhunderts darstellt, so ist in einem auffälligen Kontrast dazu die ganze Reichweite dieser Frage und ihre präzise Gestalt bis heute höchstens in Ansätzen erfaßt. Weder sind die weitverzweigten wissens-, technik- und mediengeschichtlichen Kontexte ihrer Genese ausreichend beschrieben, noch sind ihre das bisherige Denken umstürzenden epistemologischen und ontologischen Gehalte klar benannt. Ebensowenig sind ihre anthropozentrismuskritischen, um nicht zu sagen antihumanistischen Fluchtlinien ausreichend dokumentiert. Weitgehend unbeachtet geblieben ist zudem – und dies ist der Dreh- und Angelpunkt des gegenständlichen Projekts –, daß die ökologische Frage seit geraumer Zeit und im Gleichschritt mit der technisch-medialen Entwicklung selbst einer tiefgreifenden Transformation unterliegt: Der ursprünglich biologische Sinn des Begriffs Ökologie tritt dabei zunehmend in den Hintergrund und der Begriff als solcher gerät stattdessen mehr und mehr zu einer übergreifenden und offenen Problemformel, die im Zentrum einer wirkmächtigen neoökologischen Semantik zur Beschreibung, ja Selbstbeschreibung der hochtechnisierten Gegenwart steht. Das Projekt zielt darauf, den Begriff der Ökologie insgesamt genealogisch als Epochenbegriff freizulegen, um den herum sich dann insbesondere auch die neue Semantik zur Beschreibung unserer technisch-medialen Kondition kristallisiert. Die Allgemeine Ökologie der Techniken und Medien, die es vor dem Hintergrund der umfassenden Kybernetisierung der Lebensform seit 1950 zu konturieren gilt und die auf diese Entwicklung mit einem neuen Theorieprogramm reagiert, dient der kritischen Durcharbeitung, Klärung und Perspektivierung der auffälligen Epochenbewegung, die uns insgesamt, so die These, in das Zeitalter der Environmentalität hineinführt. Die Allgemeine Ökologie arbeitet an einem neuen Bild des Seins, zeichnet das Schema einer ökologischen Subjektivität, markiert schließlich die neue environmentale Verfassung und fragt danach, inwiefern sie über eine Biopolitik der Katastrophen und etablierte Ökologien der Angst hinausgeht.
 

TEILPROJEKT:

KARTOFFELKÄFER. EIN BEITRAG ZU GESCHICHTE UND THEORIE EINER GENERELLEN ÖKOLOGIE VON MEDIEN UND TECHNOLOGIE (BEARBEITET VON MAREN SCHWIEGER, GEFÖRDERT VON EVONIK INDUSTRIES IM RAHMEN DER PROMOTIONSFORSCHUNGSGRUPPE RECONSIDERING INDUSTRY)

Am Beispiel 'Kartoffelkäfer' unternimmt das Dissertationsprojekt ein Neudenken von Ökologie im bzw. als Zusammenhang von Medien und Technologien. Auf den ersten Blick mag dieses Unterfangen etwas ungewöhnlich erscheinen, ist doch der Kartoffelkäfer ein in der medien- und kulturwissenschaftlichen Forschung bisher fast gänzlich vernachlässigter Gegenstand. Und anders als etwa Möbius' Austern oder Uexkülls Zecke wird der Kartoffelkäfer auch in den Texten, die zu den Gründungsdokumenten der Umweltwissenschaften gezählt werden, nicht adressiert. Dabei stellt gerade der Kartoffelkäfer einen vielversprechenden Forschungsgegenstand dar, anhand dessen und mit dem ein Neudenken von Ökologie und Umwelt geleistet werden kann, ja muss; ein Denken von Ökologie, dass sich nicht auf 'Natur' beschränkt, sondern Techniken ebenso berücksichtigt wie Fragen des Politischen. Dabei geht es in dem Projekt insbesondere um die Beschreibung von Wechselwirkungen allzuoft getrennt untersuchter Bereiche; um einen weitgefassten Umweltbegriff, der im Anschluss an Foucault als „Environmentalität“ adressiert wird.
Ausgehend von einem Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Kartoffelkäfer-Diskurs, mit dem ökonomisches Kalkül ebenso verbunden ist wie die Erzeugung von Bedrohungsszenarien, soll die Hervorbringung des Kartoffelkäfers als wissenschaftlicher, ja: ökologischer Gegenstand ab den 1920er Jahren untersucht werden. Damit stehen nicht nur (Be-)Fallgeschichten, Experimente und spezifische Darstellungsformen im Focus der Arbeit; sondern vor allem das Ersinnen und Anwenden verschiedener Mittel, Instrumente und Maßnahmen, die von Giftstoffen, über den Kartoffelkäferabwehrdienst, bis hin zu computergestützter Flug- und Verbreitungsmodellierung reichen – und die immer wieder auch scheiterten. Mit Blick auf diese materielle Seite erscheint 'Ökologie' nicht nur als ein ergebnisoffener Prozess. 'Ökologie' lässt sich so in ihrer Verbindung mit Geräten und Methoden der Kontrolle und Regulierung untersuchen und wird damit selbst als Technologie der Steuerung beschreibbar; eine Technologie, die nicht etwa 'bloß' auf Tiere und Pflanzen einwirkt. Am Beispiel des Kartoffelkäfers lässt sich aufzeigen, dass Ökologie sich untrennbar mit Regierungsmechanismen verknüpft und überdies: mit Figurationen von Feindschaft. In diesen Verstrickungen aber, die Menschen und Käfer den gleichen Steuerungsmechanismen unterwerfen und unvorhersehbare Rückkopplungen zeitigen, lässt sich ein 'ökologisches Subjekt' wohl kaum behaupten. Vielmehr stellt sich die Frage, wer oder was im Zeitalter von Environmentalität als 'zoon politikon' zu adressieren ist.