DFG-Projekt, Fall-Archive

(DFG-PROJEKT, BEARBEITET VON DR. SUSANNE DÜWELL)

Fall-Archive: Epistemische Funktion und textuelle Form von Fallgeschichtssammlungen in Fach- und Publikumszeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts.

Die allen modernen Wissenschaften vom Menschen zugrundeliegende Textsorte der Fallgeschichte ist derzeit Gegenstand intensiver wissenschaftshistorischer und literaturwissenschaftlicher Untersuchungen. Diese konzentrieren sich aber auf die Geschichte einzelner Fächer (Recht, Medizin, Psychologie, Psychiatrie, Pädagogik, empirische Sozialwissenschaft) und nicht auf die textuelle Form und den medialen Kontext kasuistischer Narrative in ihrer disziplinen- und gattungsbegründenden Funktion.
Gegenstand des Projekts ist die Typologisierung und funktionale Analyse von Fallgeschichten, die im 18. und 19. Jahrhundert in Zeitschriften gesammelt und publiziert werden. Die leitende Ausgangsbeobachtung der Untersuchung ist die Feststellung, dass seit der Aufklärung zahlreiche Zeitschriften nicht nur Fallgeschichten veröffentlichen, sondern vorwiegend zum Zweck der Sammlung solcher Fälle gegründet werden, um so die Grundlage für neue Disziplinen auf dem Feld der Wissenschaften vom Menschen zu schaffen.
Die Hypothese für die Untersuchung dieser Organe als ‚Fall-Archive‘ lautet, dass die zentrale Stellung von Fallgeschichten darin besteht, den neu zu begründenden Disziplinen unerforschtes Terrain – etwa die Ursachen für psychische Störungen oder eine wissenschaftliche Grundlegung der Pädagogik – zu erschließen. Die Fallgeschichte, so die erste These des Projektvorhabens, verbindet den Anspruch einer empirischen Grundlegung mit dem Verzicht auf voreilige theoretische Hypostasierung. Die damit einhergehende Offenheit, so die zweite These, erfordert es, heterogene Perspektiven zu integrieren. Bedingung für die epistemische Funktion des Falls ist daher die Hybridität eines faktisch hoch diversifizierten sowie wissenschaftliche und populäre Darstellungsweisen integrierenden Genres. Dieser Zusammenhang zwischen einer mehrfachanschließbaren Textsorte und ihrer propädeutischen Funktion für neue Disziplinen wird schließlich, so die dritte These, entweder in den Fallerzählungen selbst oder aber in Gestalt von Herausgeberkommentaren und Anleitungsbüchern thematisiert und reflektiert.
Das Projekt wird auf dieser Grundlage herausarbeiten, wie die modernen Wissenschaften vom Menschen ihren Ausgang von einem Archiv hybrider und selbstreferentieller Fallerzählungen nehmen. Der Begriff des Falls beschreibt die narrative Entfaltung eines individuellen Lebenslaufs, die als exemplarischer Ausgangspunkt für generalisierbare Kausalzusammenhänge dienen soll. Der Begriff der Reflexivität betrifft die Thematisierung dieser epistemologischen Funktion sowie der Transformation von Beobachtung in Beschreibung innerhalb der Fallnarrative selbst. Der Begriff der Hybridität zielt darauf ab, dass Fallerzählungen keine einfache oder geschlossene Gattung, sondern an unterschiedliche Darstellungsabsichten und Wissensfelder anschließbar sind. Der Begriff des Archivs umreißt die Speicherung kasuistischer Einzelbeobachtungen in periodischen Publikationen, die auf diese Weise ein mediales Korrelat zur kasuistischen Logik der Generalisierung von Einzelfallbeobachtungen bilden.
Vor diesem Hintergrund lassen sich die zwei zentralen Projektziele wie folgt zusammenfassen:
1. Die Differenzierung der epistemischen Funktion der verschiedenen Erscheinungsformen von Fallgeschichten in ihren unterschiedlichen Publikationskontexten.
2. Die Identifikation spezifischer Erzähltechniken, Textstrukturen, Sprachmittel und Publikationsformen, die Fallgeschichten in verschiedenen Fachzeitschriften gemeinsam sind.
Aufgrund seiner Struktur vermag der Fall, so die übergreifende These des Projektvorhabens, in der neuzeitlichen Wissenschaftsgeschichte als Verstärkungsmedium für die Annahme vereinzelter biographischer Beobachtungen als wissenschaftliche Daten zu fungieren und umgekehrt im Rahmen der weiteren kulturellen Kommunikation wissenschaftliche Beobachtungen als interessant, wenn nicht gar spektakulär, zu präsentieren. Auf diese Weise sind Fallsammlungen in der modernen Wissenschafts-, Medien- und Literaturgeschichte niemals nur Belegbeispiel für bereits bekannte Theorien, sondern eröffnen durch die Verknüpfung der drei Dimensionen von Wissen, Medium und Erzählung neue disziplinäre, publizistische und ästhetische Denk- und Schreibweisen.