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Aktuelle Mitteilungen

Veranstaltung: "…was nützt es, Mutiges zu schreiben…", 29.10. Stadtbücherei Bochum

Veröffentlicht am 24. Oktober 2013

Lesung anlässlich des achtzigsten Jahrestages der Bücherverbrennung in Nazi-Deutschland am 10. Mai 1933: Unter dem Titel „…was nützt es, Mutiges zu schreiben…“ lädt die Literarische Gesellschaft Bochum mit Dieter Treeck und Kriszti Kiss in Kooperation mit der Stadtbücherei daher zur Erinnerung an Autorinnen und Autoren ein, die früh das Unheil gesehen und Verfolgung und Leid erlitten haben:

Gelesen werden Texte von Kurt Tucholsky, Walter Mehring, Alfred Döblin, Rose Ausländer, Bertolt Brecht, Theodor Kramer, Georg Kreisler, Else Lasker-Schüler, Heinrich Mann, Walter Mehring, Nelly Sachs, Franz Werfel, Carl Zuckmayer und anderen.

29. Oktober 2013, 20.00 Uhr
Stadtbücherei Bochum, Gustav-Heinemann-Platz 2-6

Die neuen Rekruten sind da

Veröffentlicht am 10. Oktober 2013

Am 10. Oktober 2013 war der Hörsaal HGC10 voll und lebhaft. Der erste Test, die Rezitation eines DADA-Gedichtes, wurde von allen Anwesenden bestanden. Hugo Ball wäre, wir waren stolz. Und wir begrüßen die vielversprechenden Germanistik-Erstis des Wintersemesters 2013/14 an der Ruhr-Universität. Auf dass einige bald mit eigenen Texten ihren Weg in die Redaktion der fusznote finden mögen!

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Wir gehen Gold! Willkommen auf unserer neuen Portalseite

Veröffentlicht am 9. Oktober 2013

Die pizzabetriebenen Kobolde haben fleißig gerackert und nun heben wir den Vorhang:

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse laden wir Sie ein, auf unserer frisch renovierten Website in den PDF-Archiven unseres Printmagazins und auch im neu entstandenen Blog mit Online-Beiträgen zu stöbern. Die fusznote, das studentische Magazin für Literaturkritik und Literaturwissenschaft am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum, wünscht viel Spaß beim Lesen!

Für die Redaktion*,
Britta Peters, Shirin S. Schnier und Kim Uridat

*und die pizzabetriebenen Kobolde

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Fritz J. Raddatz: Bestiarium der deutschen Literatur

Veröffentlicht am 9. Oktober 2013

Literatur-Safari mit Giftschlange
Fritz J. Raddatz nimmt uns mit auf eine Tour durch die Autoren-Tierwelt

von Philipp Kressmann

Was für ein Tier wäre eigentlich Böll? Was hat Grass mit Aalen gemeinsam? Warum kann man Dürrenmatts Erzählstil mit den Fäden einer Weinbergschnecke vergleichen? Solche Fragen stellt sich Fritz J. Raddatz in seiner Freizeit. Der Autor, ehemaliger Feuilletonchef der ZEIT und Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung, hat bereits Biografien über Benn und Rilke verfasst und wurde in den 70-er und 80-er Jahren durch engagiert-eigensinnige Literaturkritiken und Essays bekannt. Selbst Marcel Reich-Ranicki fand bisher nur lobende Worte für seinen Kollegen. Spätestens mit seinen
2010 erschienenen Tagebüchern erwies sich Raddatz als ebenso unkonventionell-witziger wie bitterböse-hämischer Kulturbetriebsbeobachter.

In seinem neuem Buch Bestiarium der deutschen Literatur macht er diesem Ruf nun wieder alle Ehre – und orientiert sich diesmal formal am Modell der 1922 publizierten Sammlung Großes Bestiarium der Literatur von Franz Blei, indem er berühmte deutsche Schriftsteller der Gegenwart als exotische Tiere porträtiert. Das Konzept geht auf: Raddatz’ Satire besticht und funktioniert vor allem durch ihren  suggerierten wissenschaftlichen Ernst. Wie es sich für einen ordentlichen Forschungsbericht gehört, wird in der Quellenangabe sowohl Grzimeks Enzyklopädie als auch Brehms Tierleben aufgeführt. Die Verhaltensmuster der beschriebenen Tiere sind nämlich keineswegs erfunden und den dargestellten Autoren willkürlich übergestülpt, sondern stützen sich auf zoologische Kenntnisse, auch wenn Raddatz in einer editorischen Notiz am Ende seines Bestiariums einräumt, dass man es eher mit einem »Schmunzel-Brevier« als mit einer wissenschaftlichen Arbeit zu tun hat.

Raddatz selbst entpuppt sich als talentierte Giftschlange, zum Beispiel wenn Jürgen Habermas – dessen Hauptwerk ja gerade die Theorie des kommunikativen Handelns ist – als kommunikationsunfähiger Primat abgehandelt wird, dessen völlig rätselhafte Verständigungssprache bisher noch nicht einmal von einem internationalen Dechiffrierkartell entschlüsselt werden konnte. Extrem amüsant ist auch das Profil von (dem nicht gerade als zugänglich geltenden) Thomas Bernhard geraten, der sich literarisch besonders für den Tod interessiert hat. Er wird von Raddatz als »fledermausartiger Totenvogel« beschrieben, der »vornehmlich auf Friedhöfen oder in Spital-Gärten nistet und als »bösartig gegenüber seiner Umwelt gilt.« Diese hämische Tiervergleichs-Komik  mag manchmal ein wenig affig wirken, aber sie ist stets pointiert verfasst und zeitweilig sogar erstaunlich plausibel. Ebenso, wenn es auch Peter Härtling, der größtenteils Kinderbücher verfasste, an den Kragen geht. Spöttisch wird er von Raddatz als »behäbige Raupe« beschrieben, »die wider Erwarten der Wissenschaftler sich nie zu einem Schmetterling verpuppte, sondern nach vielen Mutationen […] immer nur ein Kriechtier blieb.«

Daneben gibt es aber auch Passagen, die zu wenig schlüssig geraten sind, weil sie zu viele Interpretationsmöglichkeiten bieten. Im Portrait über Martin Walser etwa wird dieser als geübter Tauchvogel präsentiert, der alles versucht, um nie an die Wasseroberfläche zu kommen. Doch was soll das bedeuten? Wird Walser hier für sein tiefenpsychologisches Gespür gerühmt? Oder meint das auf metaphorischer Ebene, dass Walser krampfhaft und unnötig kompliziert schreibt? Nicht immer setzt also ein Aha!-Effekt beim Leser ein, letzten Endes doch das wichtigste Indiz einer gelungenen Pointe. Zu viele Insidergags sorgen mitunter dafür, dass Raddatz’ Ausführungen streckenweise zu ambivalent geraten. Trotz lebhafter Darstellungen (der Illustrator Klaus Ensikat hat für jedes Porträt eine Zeichnung beigesteuert) und wendiger Formulierungen vermisst man bei einzelnen Porträts die Ähnlichkeit des dargestellten Tieres zum Autor.

Doch zum Glück sucht man sie bei den meisten Abhandlungen nicht vergeblich. Die Beschreibungen haben es einfach in sich. Was aber gleichzeitig nicht heißt, dass es sich beim Bestiarium der deutschen Literatur um allzu leichte Unterhaltungslektüre handelt. Raddatz ist ein echter Fuchs: Genauso, wie er es versteht, glanzvoll zu unterhalten, wird der Leser auch von ihm gefordert. Das zoologische Wissen ist dabei eher irrelevant, doch der literarische Background der jeweils skizzierten Autoren wird jeweils vorausgesetzt. Um also beispielsweise zu verstehen, warum es durchaus ein Lacher ist, dass Alexander Kluge als »Mischzüchtung […], die zwei kooperierenden Forscherteams renommierter Universitäten gelungen ist«, beschrieben wird, sollte man wissen, dass Kluge sowohl Schriftsteller als auch Filmemacher ist. Wegen Fällen wie diesen ist Raddatz’ Bestiarium eine implikationsreiche Satire, die aber trotzdem nichts an Unterhaltungswert einbüßt. Eine Kunst, die Raddatz größtenteils spielerisch mit diesem Buch gelingt. Der Autor selbst bezeichnet sich am Ende übrigens als »Prachtleierschwanz«, der über viele verschiedene Gesangstile verfügt (»Spott-Töne des Wippflöters wie zarte Balzlaute«) und als einer der stilvollsten Singvogelexemplare gilt.  Ob das passt oder nicht, sei dahingestellt. Klar ist aber: Ein Chamäleon oder ein Rudeltier ist der eigenwillig-fantasievolle Raddatz sicher nicht.

Fritz J. Raddatz: Bestiarium der deutschen Literatur. Rowohlt, 2012, 19,95 €. E-Buch 16,99 €.

Hans Magnus Enzensberger: Enzensbergers Panoptikum. Zwanzig Zehn-Minuten Essays.

Veröffentlicht am 9. Oktober 2013

Über die Abnormitäten des menschlichen Daseins. In Enzensbergers Panoptikum widmet sich der der Meister der prägnanten Abhandlung tragi(komi)schen Problemen der Erdbevölkerung

von Shirin S. Schnier

Hans Magnus Enzensberger ist nicht dafür bekannt, dass er sich ins gemachte Nest, auf Allgemeinplätze der öffentlichen Meinung oder bestimmter politischer Lager setzt. Bereits in der 68er-Bewegung bezog er keine eindeutige politische Position, was damals undenkbar war und ihm verbale Prügel eintrug. Er war Realist und konnte daher mit Widersprüchen leben. Bis heute, mit über 80, hat er sich eine erfrischend unorthodoxe Weltsicht erhalten. Auch sein neuester Essayband zur Lage der Nation (und der Welt insgesamt) kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus.

Verlockungen der Kulturindustrie

Der Band ist treffsicher mit Panoptikum betitelt, in Anlehnung an ein ebenso bezeichnetes 1935 von Karl Valentin eröffnetes »Kuriositäten- und Gruselkabinett«, in dem man neben merkwürdigen Folterinstrumenten »allerhand Abnormitäten, Sensationen und Erfindungen« bestaunen konnte. Enzensbergers Exponate, die er in zwanzig Zehn-Minuten-Essays (so auch der Untertitel) zum Besten gibt, weisen ein ähnlich weites Spektrum auf. Da gibt es ganz harmlose Erscheinungen des menschlichen Alltags wie den Putzfimmel der Deutschen oder die weltweite Vielfalt sexueller Orientierungen. Da gibt es skurrile Dinge wie das Erfinden von Nationen am Schreibtisch, die imaginären Verlockungen der Kulturindustrie oder den Aufstieg früher als ehrlos geltender Berufe, darunter der des Possenreißers, in den Olymp der Massenmedien. Und da gibt es bedrohlich anmutende Gebilde wie das Wetteifern von Religionen und Naturwissenschaften um die absolute Wahrheit, den allgemein beklagten Verfall unserer ›Werte‹ (denen Enzensberger keine Träne nachweint, weil es sie seiner Ansicht nach nie gab) oder auch unlösbare Probleme der gegenwärtigen Politik (wie die Folgen des demografischen Wandels).

Zugegeben, viele der behandelten Themen sind dem zumindest durchschnittlich informierten Leser nicht völlig neu. Aha-Momente sind bei der Lektüre trotzdem drin, auch weil bekannte Um- und Missstände menschlichen Seins im Panoptikum neu ausgeleuchtet werden und dadurch ungewohnte Schatten werfen.

So denkt Enzensberger zum Beispiel über die »Tücken der Transparenz« nach, die unsere heutige Gesellschaft kennzeichnet und auf die doch viele so stolz sind. Er gibt zu bedenken, dass trotz oder gerade wegen der Flut an Informationen, die jedem Bürger zugänglich sind, in Verbindung mit der Presse-, Meinungs- und Informationsfreiheit die Nachfrage nach Verschwörungstheorien ins Unermessliche gestiegen ist. Gleichzeitig diagnostiziert er eine Übersättigung an Informationen über angebliche und tatsächliche Enthüllungen, die zu allgemeiner Gleichgültigkeit und damit zur Kurzlebigkeit des Skandals führe. Diese Gleichgültigkeit der Bürger erkennt der Autor auch im Umgang mit den social networks (den »asozialen Netzwerken«, wie er sie an anderer Stelle nennt), die ihren fantastischen Börsenwert den freiwillig gelieferten und gespeicherten Nutzerdaten, der »Erosion« der Privatsphäre, verdanken.

Kopfschmerzen für die Ökonomen

Ähnlich irrational, so Enzensbergers Eindruck, verhält sich der Mensch in Bezug auf das liebe Geld. Er ist nämlich längst nicht immer darauf aus, seinen ökonomischen Vorteil zu maximieren, wie es in den neoklassischen Wirtschaftswissenschaften noch die verbreitete Ansicht ist. Er wirft sein Geld aus dem Fenster, vergeudet wertvolle Zeit oder verschenkt seine Moneten ohne Gegenleistung. Er arbeitet zuweilen ehrenamtlich in Krisengebieten, d. h. hart, gefährlich und unbezahlt, und er ist mitunter sogar grundehrlich, obwohl ihm das alles keine finanziellen Vorteile bringt. Dieses ›abnorme‹ Verhalten bereitet den Ökonomen Kopfzerbrechen. Enzensberger weist ihnen einen Ausweg aus dem Dilemma: eine auf dem Selbstversuch basierende »Mikroökonomie«, die die viel gepriesene ökonomische Vernunft als bloßen Mythos entlarven würde.

Angesichts weltweiten Wahnsinns, universaler Unvernunft und unlösbarer politischer und gesellschaftlicher Probleme gibt sich der Autor dennoch nicht der Schwarzseherei hin. Er bewahrt sich seinen unverkennbaren, stilistisch ausgefeilten Humor, gewürzt mit Ironie und zuweilen leichtem Sarkasmus, der die Lektüre höchst unterhaltsam gestaltet und das Panoptikum in weite Ferne zur erschöpfenden akademischen Darstellung rückt. Zuweilen lässt sich Enzensberger gar zu optimistischen Tönen hinreißen. Etwa, wenn er die vertraute Perspektive aufgibt und die Frage stellt, wie es sein kann, dass in unserer Gesellschaft »überhaupt etwas ›klappt‹ und nicht vielmehr nichts«, dass »mitten im Irrsinn das eine oder andere tatsächlich funktioniert, und zwar nicht nur gelegentlich oder ausnahmsweise, sondern sogar jeden Tag von neuem.« Eine solche Sicht der Dinge tröstet ungemein.

Hans Magnus Enzensberger: Enzensbergers Panoptikum. Zwanzig Zehn-Minuten Essays.Suhrkamp, 2012, 14,00 €.

Marcel Lepper: Philologie zur Einführung

Veröffentlicht am 9. Oktober 2013

Die Zukunft der Philologie ist ihre Genealogie

von Ali Zein

Im alltäglichen Sprachgebrauch scheint sie schon längst ausgestorben, allein im bürokratischen spukt sie noch herum, und treibt ihr das nicht eher noch den Sargnagel tiefer? Ich rede von der Philologie. Bekanntlich studiert man ›-istiken‹, und wenn ›-istik‹ nicht passt, auch mal ›‑logien‹; auf die Frage, was sie studieren, antworten Studenten dieser Fächer mit ›Anglistik‹, ›Germanistik‹, ›Romanistik‹, ›Sinologie‹, usw. – wer aber sagt schon ›germanistische‹ oder gar ›deutsche Philologie‹? Klingt das nicht nach Bismarck- und Hindenburgdeutschland? (In der Tat die Zeit der Hochblüte.) Überhaupt, was sollte das sein, eine Wissenschaft von der Liebe zum Wort? Umfasst das nur eine oder mehrere Sprachen? Zudem, gehören auch die älteren Literaturen, etwa des Mittelalters, dazu oder meint man wie so häufig bloß die Literatur um und ab der ›magischen‹ Grenze 1800? Oder ist das gar nur Linguistik?

Dass das in der Breite nicht klar ist, wird auch am internationalen Fachdiskurs deutlich, der keine feste Definition kennt, was ›Philologie‹ ist und was sie sein sollte. Wovon man redet, wenn man in England von philology redet, ist etwas anderes, als wenn man in Deutschland von ›Philologie‹ spricht (und ›Textkritik‹ meint) oder in Frankreich und Spanien philologie bzw. filología sagt. Während erstere ›Linguistik‹ meinen und philology sagen, streben die beiden letzteren an, sowohl linguistische, literarische als auch text- und editionskritische Studien zu umfassen. Das umschreibt in etwa das glanzvolle Elend einer Philologie, die nicht bloß die Summe der einzelnen Philologien sein will.

Insofern ist es von Marcel Lepper schon mutig, eine Einführung zu einem Fach zu schreiben, das es nicht gibt. In ihr unternimmt er den Versuch, die Philologie für Anfänger und interessierte Laien aufzuziehen und liefert damit eine Mischung aus Sach- und Fachbuch. Sachlichkeit der Informationen und des Stils zeichnen  Leppers Buch aus, Wissenschaftssprache ist rar. Sein Buch gliedert sich in sieben Teile, in denen er Definitionsvorschläge macht, einen kurzen geschichtlichen wie institutionellen Abriss gibt und nach den Erkenntnismethoden und -gewinnen fragt.

Im ersten Kapitel nähert er sich wortgeschichtlich seinem Gegenstand und spielt vier Definitionen für ›Philologie‹ durch, von der ›Liebe zum Wort‹ über das wissenschaftliche Interesse an Sprach- und Textstrukturen bis zur akademischen Disziplin. Verstärkt wendet er sich dann ihrer Sachgeschichte zu, wobei Lepper sehr interessant die institutionellen Bedingungen (Bibliothek, Archiv, Museum, Universität) zu schildern im Stande ist. Im Grunde hat das Buch eine Spiegelstruktur, wenn ›Philologie‹ im vorletzten Kapitel (»Konjunkturen«) wieder institutionell (mit dem Schwerpunkt Fach- und Sachgeschichte) abgehandelt wird und das letzte Kapitel (»Habitus«) definitorisch versucht, eine Soziologie der Philologie zu liefern, in der z. T. aber heillose Klischees bedient werden.Redundanzen entstehen jedoch kaum.

Obwohl Leppers Einführung eine kleine Ideengeschichte der Philologie zu sein scheint, bleibt er merkwürdig synchron. Zwar arbeitet er durchgängig definitions- und forschungsgeschichtlich, verharrt dabei aber auf der Ebene gültigen Lexikonwissens. Doch Aktualität historischer Wissensbestände ist nicht dasselbe wie Historie. Das kann auch das spannende und wunderbar anti-eurozentristische Kapitel über globale, philologische Traditionen nicht ändern, wozu es leicht zwanzig Seiten mehr bedurft hätte. Denn leider leistet sein Überblick nicht mehr als die Benennung dieser Traditionen. Werden geschichtliche Bezüge gegeben, dann fast ausschließlich als Attacken auf die »Erfolgsgeschichten« einer sich geschichtsphilosophisch interpretierenden Philologie der Spätromantik im 19. Jahrhundert. Die Geburtskammer der modernen, europäischen Philologie aber gehört ins ins 18. Jahrhundert und ihre Hebammen sind die Ästhetik, Poetik und Hermeneutik.

Dahinter mag der Versuch stehen, die Aktualität von Philologie zu betonen. Lepper macht das besser als viele Bücher der letzten Jahre, die sich dem Thema widmeten. Doch Philologie ist eine Tätigkeit des Vorgestern im mehrfachen Sinne. Sie beginnt als Arbeit am Heiligen, an der Konservierung und Kommentierung des pneumatischen Logos, und auch in Zeiten ihrer Säkularisierung bildet das Heilige ihre Rückseite wie ein Goldhintergrund Klimts – wozu ein Blick auf die Geschichte unserer Kanonpflege genügt. Ihren Sitz hat sie in der Vergangenheit der undifferenzierten Disziplinen. Nicht umsonst war der Grammatiker der Antike auch ihr Universalgelehrter. Aber auch ihre Zukunft gründet im Vorgestern, was besonders die lexikographischen Großprojekten zeigen, etwa das Deutsche Wörterbuch mit 123 Jahren Laufzeit.

In Zeiten sich rapide ausdifferenzierender Fächer im Gesamtspektrum aller Wissenschaften, in denen selbst die immatrikulationsrelevanten Selbstbezeichnungen wie Dinosaurier zu wirken beginnen, ist Philologie ein Fossil aus der Zeit, in der das Leben entstand. Auch ihre in den letzten Jahren versuchten Neuerfindungen durch Gumbrecht et al., die ihr für eine angebliche Sorgfalts-, Genauigkeits- und Disziplinkultur den Ehrendoktor aufsetzen wollen, täuschen nicht über die Tatsache hinweg, dass sie dem Gorgonenhaupt längst ins Gesicht gestarrt hat. Diese Versuche verschleiern bloß, dass die Missstände an deutschen Unis Konsequenzen der verpatzten Bologna-Reformen sind und nicht weil die Philologie als bildungsbürgerliches Tugenddiplom abgeschafft wurde.

Dass die Philologie ihren Hoheitsstatus als Leitwissenschaft verloren hat, ist auch so eine Geschichte des Vorgestern, eine nicht beklagenswerte. Gerade als Hilfswissenschaft bleibt sie unentbehrlich. Philologie in der Leichenstarre konstitutioneller Monarchie zu konservieren, kann nur falsch sein. Vielmehr gilt: Setzen wir Philologen uns ins Archiv und arbeiten diese Geschichte auf. Leppers Einführung ist ein erster Schritt dazu. Schreiben wir uns nicht auf die Fahne:
La philologie est morte, vive la philologie!

Marcel Lepper: Philologie zur Einführung. Junius, 2013, 13,90 €.

Stéphane Hessel: An die Empörten dieser Erde!

Veröffentlicht am 9. Oktober 2013

»Es gibt also viel zu tun«

von Niko Stateczny

In seinem letzten Werk An die Empörten dieser Erde! Vom Protest zum Handeln fordert der im Februar 2013 verstorbene französische Philosoph Stéphane Hessel jeden auf sich als Weltbürger zu begreifen, der seinen Teil zu einem friedlichen Zusammenleben aller Menschen beitragen kann.

Überall auf der Welt demonstrieren junge Menschen. In Nordafrika gegen ihre Herrscher, in Spanien, weil sie keine Arbeit finden und in den USA, weil ihnen die Macht der Finanzmärkte unheimlich wird. Und zeitgleich gab es einen 95 Jahre alten Schriftsteller, dessen Botschaften vor allem auch von diesen Demonstranten, diesen Empörten gehört wurden und werden. Wie kann es sein, dass dieser Mann, Stéphane Hessel, einen so überwältigen Erfolg hat?

Seine beiden Werke Empört Euch! und Engagiert Euch! wurden millionenfach verkauft und sind in fast jedem Winkel dieser Erde erhältlich. Wer nach der großen Faszination, die Stéphane Hessel ausübt, fragt, kann durch die Lektüre von An die Empörten dieser Erde!, der vertiefenden Denkschrift zu den beiden vorherigen Bestsellern, Antworten erhalten. Wer nun eine philosophische Denkschrift erwartet, hat Recht und liegt trotzdem falsch. Bereits der Aufbau sorgt für eine gewisse Überraschung: der Mitschrift einer Rede Hessels vor allem zum Konflikt zwischen Israel und Palästina – sowie anschließenden Fragen aus dem Publikum – folgt ein ausführliches Interview des Herausgebers Roland Merk mit dem Vordenker einer empörten Generation.

Dass man Merk – im Übrigen studierter Philosoph, wie Hessel – die Begeisterung für seinen Gesprächspartner nicht selten anmerkt: geschenkt. Viel wichtiger erscheint die Tatsache, dass sich ein Dialog entwickelt, der spannend ist für jene, die thematisch bereits vorgebildet sind, aber auch für alle, denen das politische Konzept eines Richard Rorty oder Derridas ›Telé-technique‹ fremd sind.

Hessel nimmt während dieses Gesprächs Stellung zu allen drängenden Fragen unserer Zeit: Vertrauensverlust in Politiker, Finanzkrise oder Nahost-Konflikt. Dabei bleibt er stets Gesprächspartner auf Augenhöhe und wirkt nie belehrend. Vielmehr bezieht der ehemalige Diplomat seine Autorität aus seiner eigenen, persönlichen Geschichte. Nicht nur Teilnahme am Kampf des französischen Untergrundes während des Zweiten Weltkrieges und anschließende politische Inhaftierung durch die Nazis, auch sein Mitwirken an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN machen Hessels große Besorgnis um die Zukunft des menschlichen Zusammenlebens glaubhaft.

Wer nun denkt, Hessels einzige Absicht bestehe in der Aufforderung an andere sich zu empören, der irrt. Er belässt es nicht dabei, sondern bietet Lösungen für gegenwärtige und zukünftige Probleme an. Zentral ist für ihn hierbei die Frage, wie wir mit der »Übermacht der Finanzmärkte« umgehen, die für ihn »weder transparent noch politisch kontrolliert sind«. Und immer wieder geht es ihm hierbei um die Begriffe Würde und gegenseitiger Respekt. Beides ist für den Philosophen Voraussetzung dafür, ein System gleicher Chancen und fairer Verteilung zu etablieren. Wer also die Empörten dieser Erde verstehen will, dem sei die Lektüre dieses Buches empfohlen. Und vielleicht regt diese dann auch dazu an, der Empörung ein Engagement folgen zu lassen – wenn auch nur, wie Stéphane Hessel selbst vorschlägt, in der eigenen Nachbarschaft. Einem engagierten Weltbürger geht es nämlich nicht nur um den großen Wurf, sondern um verantwortliches Handeln in jeder Situation.

Oder wie Hessel es selbst ausdrückte: »Bleibt nicht dabei empört zu sein, sondern zeigt Verantwortung und engagiert euch. «

Stéphane Hessel, Roland Merk: An die Empörten dieser Erde! Vom Protest zum Handeln. Aufbau Verlag, 2012, 10,00 €, E-Buch 7,99 €.