Twitter-Gedenkprojekt zur Pogromnacht 1938

admin am 8. November. 2013

von Christian Wobig

Der 9. November wird gern als der „Schicksalstag der Deutschen“, ein monadisches Datum, bezeichnet, an dem sich zahlreiche Wendepunkte als Höhe-  wie Tiefpunkte der deutschen Geschichte kreuzen. Beginnend im Jahr 1848 mit dem Anfang vom Ende der Märzrevolution (Hinrichtung des republikanischen Abgeordneten der Frankfurter Nationalsversammlung Robert Blum), über das Ende des zweiten Deutschen Reiches 1918, den euphemistisch als „Reichskristallnacht“ bezeichneten Pogrom gegen jüdische Geschäfte, Gotteshäuser und Menschen jüdischen Glaubens im Jahr 1938, bis hin zum Fall der Mauer im Jahr 1989, der das Ende der DDR und die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten einläutete.

Wenngleich der Begriff des „deutschen Schicksalstages“ auch mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden muss, da in ihm die Tendenz mitschwingt, das Schicksal sei etwas, das über die Menschen kommt und sie ereilt, ohne das diese eine Wahl gehabt hätten. Die Verbrechen von Verfolgung und Vernichtung wären dann keine bewusst verübte und durch zahlreiche niedrige Beweggründe motivierte Taten mehr, sondern ein „alternativloses“ Ereignis, für das der einzelne Akteur keine Verantwortung trage.

Genau dieser Gefahr wirkt ein ambitioniertes Microblogging-Projekt entgegen, das sich zum 75. Jahrestag dieses „dunkelsten aller 9. November“ zwischen 1918 und 1989 befasst: der Reichspogromnacht von 1938, die der Höhepunkt gewalttätiger Ausschreitungen gegen Juden zwischen dem 7. und dem 13. November 1938 war.

Unter dem Accountnamen @9nov38 vollziehen auf Twitter die Historikerinnen und Historiker Charlotte Jahnz, Petra Tabarelli, Christian Gieseke, Michael Schmalenstroer und Moritz Hoffmann bereits seit Donnerstag  die Ereignisse jener ersten deutschlandweit ausgeführten und organisierten Gewaltnacht tages- und uhrzeitgenau nach. Die Texte aller Tweets sind wissenschaftlich fundiert, sie erzählen reale Ereignisse nach, die tatsächlichen Personen ungefähr zu diesem Zeitpunkt zugestoßen sind.

Trotz des bei maximal 140 Zeichen pro Tweet begrenzten Raumes macht dieses Projekt die Dynamik der Ereignisse anschaulich. Von der propagandistischen Instrumentalisierung des Attentats des in Paris lebenden polnischen Juden Herschel Grynszpan auf den
deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath am 7. November, dem dieser am 9. November erlag, über die gezielte Hetze und organisierte Anstachelung zur Gewalt, bis hin zur Einbindung und willentlichen Teilnahme der Akteure.

@9nov38 wird klarmachen, dass das Pogrom keine Naturkatastrophe gewesen ist, der die deutsche Bevölkerung hilflos gegenüberstand, sondern dass es auf allen Ebenen Mitwirkung gegeben hat. Auch die andere Seite, die der Opfer, kann dadurch nicht länger als gesichtslose Masse betrachtet werden.

So wird das ganze Ausmaß des Pogroms deutlich, der heute als signifikanter Schritt in Richtung der im Krieg umgesetzten Vernichtungspolitik bewertet wird. Gleichzeitig beweist es, dass soziale Medien genutzt werden können, um Geschichte zugleich wissenschaftlich fundiert und lebensnah zu vermitteln, so dass die Dimension der lokalen Teilhabe an den Gewalthandlungen besonders deutlich dargestellt werden kann.

Parallel zu den Tweets über den Verlauf der Ereignisse um den 9. November 1938 gibt es eine erläuternde Website unter 9nov38.de. Sie zeigt weitere Informationen zum Projekt und den wissenschaftlichen Apparat.

1 Kommentar zu „Twitter-Gedenkprojekt zur Pogromnacht 1938“

  1. Rafael Buglowski (Redaktionsmitglied fusznote) sagt:

    Mich würde interessieren, wie das Projekt 9nov38 im Nachhinein, nachdem man diesem schon einige Tage bei Twitter folgen konnte, bewertet wird.
    Am 9. November selbst habe ich bei Twitter einige Reaktionen lesen können, die vor allem zeigten, dass die Leser erschrocken und betroffen waren. Ähnlich erging es mir selbst.
    Vor allem als die Tweets am 9. November noch sehr dicht gepostet wurden, beschäftigte und traf mich das Geschriebene sehr. Die durch das Projekt vermittelten Ereignisse brachen in die gegenwärtige Alltäglichkeit und Banalität der anderen Tweets ein und wirkten verstörend. Sie lieferten Informationen, die man noch nicht kannte und waren doch mehr als nur Information.
    Mittlerweile aber vermengen sich die Tweets des Projekts in meiner Timeline mit den sämtlichen anderen alltäglichen und auch besonderen und kunstvollen Tweets so sehr, dass sie Ähnlichkeit zum Format einer Fernsehdokumentation gewinnen, während der man gleichzeitig so vieles anderes machen kann, dass man schließlich nur noch halbherzig wahrnimmt, worum es eigentlich geht. Die langsam einkehrende fehlende Dichte der Projekt-Tweets sorgt bei mir also für eine Einschätzung, die der des 9. November 2013 umgekehrt ist: Die Banalität und Alltäglichkeit überdecken allein ihrer Menge wegen die Wirkung der Projekt-Tweets. Ein grau-machender Schleier wird über die Geschichte geworfen.
    Das Problem ist aber vielleicht nicht beim Projekt zu suchen sondern vielmehr beim hier schreibenden Leser, der sich allzu schnell ablenken lässt. Eventuell ist für die Wirkung und Einschätzung des Projekts auch von Bedeutung, in welcher Form man sich mit diesem auseinandersetzt. Ich selbst habe die Projekt-Tweets immer eingebettet in die gesamte Timeline verfolgt – am Smartphone springe ich zu ungern zwischen Fenstern und Ebenen hin und her.
    Mich würden eure Meinungen interessieren? Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Projekt gemacht? Habt ihr die Tweets eingebettet in die gesamte Timeline oder gesondert verfolgt? Hat das Projekt seine Intention umsetzen können?