Stadtgeschichten beim neunten Literatürk-Festival

admin am 17. November. 2013

»Literatürk e Hoş Geldiniz! – Herzlich Willkommen zu Literatürk!«  hieß es vom 1. bis  9. Oktober 2013 im Ruhrgebiet

von Anika Lehnert

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Unter dem Motto »Stadtgeschichten« fanden im Rahmen des neunten deutsch-türkischen Literaturfestivals Literatürk Lesungen in Essen, Gelsenkirchen und Dortmund statt. Hinzu kamen filmische, szenische sowie lyrisch-musikalische Beiträge, die ein vielseitiges Kulturprogramm präsentierten. Im neunten Jahr des Festivals wurden hochkarätige türkische Schriftstellerinnen, Schriftsteller und Journalisten eingeladen, um aus ihren veröffentlichten Romanen zu lesen oder einen Einblick in Textpassagen aus noch entstehenden Werken zu liefern. Zu Gast waren dieses Jahr unter anderem bekannte Autoren wie Murathan Mungan, Alper Canigüz, Murat Gülsoy, Can Dündar und Tanil Bora.
Literatürk ist das einzige Literaturfestival in Nordrhein-Westfalen, das sowohl türkische als auch deutsche Zuschauer begrüßt, indem zweisprachig gelesen und diskutiert wird. Organisiert wird das Projekt von den Schwestern Semra Uzun-Önder und Fatma Uzun sowie von Johannes Brackmann, es entstand 2005 aus dem Wunsch heraus, die kulturelle Szene beider Länder im Ruhrgebiet zusammenzubringen.

Lesezentren Istanbul und Ankara

Der türkische Literaturbetrieb ist in den letzten Jahren gewachsen, obwohl in der Türkei immer noch tendenziell eher ferngesehen statt gelesen wird. So ist es auch für die türkischen Schriftsteller, die nach Deutschland eingeladen werden, eine neue Erfahrung, vor einem Publikum zu lesen, denn das Format der Autoren-Lesung existiert in der Türkei nicht in großem Umfang.

Signierstunden in den Lesezentren Istanbul und Ankara sind hingegen geläufig.
Kulturelle Unterschiede werden darüber hinaus jedes Jahr bei der Organisation des Festivals offenbar, wenn die Veranstalterinnen sich mit den Autorinnen und Autoren für eine Lesung in Kontakt setzen: »Wir fragen schon möglichst spät bei den Autoren an, aber oft heißt es dann noch: Ich kann doch noch nicht sagen, was in zwei Monaten ist«, erzählt Semra Uzun-Önder mit einem Schmunzeln. »Aber zum Glück klappt es dann doch, dass sie Zeit für uns finden.«

Proteste im Gezi-Park

Unsicher war allerdings bis zuletzt, ob der sehr bekannte türkische Journalist und Filmemacher Can Dündar zu der Veranstaltung Wem gehört die Stadt? Vom Aufstand im Park zur Protestbewegung erscheinen würde, da es Probleme mit seinem Visum gab.
Das Zittern um seine Präsenz hat sich jedoch gelohnt. Bei keiner anderen Veranstaltung war die Nachfrage nach Karten so groß wie bei dieser, sodass die Zuschauer in dem ohnehin schon großen Saal standen, um Lesung und Diskussion beizuwohnen zu können. Can Dündar ist ein charismatischer Autor, der unterhält, das Publikum amüsiert und gleichzeitig bewegend von seiner eigenen Geschichte bei den Protesten im Gezi-Park in Istanbul erzählt. Der Journalist las aus dem ersten Kapitel seines noch im Entstehen begriffenen Buches mit dem Titel: Gezi. Wer könnte schöner sein, wenn er erwacht, das sich mit Protestbewegungen in der ganzen Welt auseinandersetzt: »Wir vertrauten unseren Kindern. Dieses Vertrauen hatte den Grundstein zu ihrem Selbstvertrauen gelegt. Aus diesem Grund sagten wir auch nicht wie unsere Eltern: »Um Gottes willen, mein Kind, halt dich da raus!« Ganz im Gegenteil, wir schlossen uns ihnen an, wenn sie zur Aktion schritten. Oder wir setzten ihnen eigenhändig die Gasmasken auf und schickten sie los. Die Parole: »Keine Sorge, Mama, wir sind in den hinteren Reihen«, war eine humorvolle Referenz an die Köpfe von damals. Tatsächlich lautete die Parole nun: »Keine Sorge, mein Kind, wir stehen hinter dir.««

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»Überall ist Taksim, überall ist Widerstand«

Can Dündar berichtete von seinen persönlichen Erfahrungen während der Proteste im Gezi-Park, die sich zunächst gegen die Pläne der Bebauung des Parks richteten und schließlich in landesweiten Kundgebungen gegen die Regierung mündeten. Dass sich die junge Generation in der Türkei in Form von Demonstrationen zusammenfindet, sei etwas vollkommen Neues, hielt der Autor fest. Die Protestformen sind vielfältig. So erhoben sich während eines Fußballspiels, das live im Fernsehen übertragen wurde, die Zuschauer in der 34. Minute und riefen den Slogan der Protestbewegung: »Überall ist Taksim, überall ist Widerstand«. Die türkischen Medien versuchten dies zu verhindern, indem sie entweder den Ton abstellten oder die Tonspur eines anderen Spiels darüber legten. Die Zahl 34 gilt als symbolische Ziffer für die Proteste, da sie für das KFZ-Zeichen von Istanbul als Ursprung der Bewegung steht.

93/13 – 20 Jahre nach dem Brandanschlag in Solingen

Während Can Dündar die Geschichte seiner Stadt Istanbul erzählte, wurde die Geschichte Solingens im Rahmen einer ergreifenden Dokumentation von Mirza Odabaşi nachgezeichnet. In 93/13. 20 Jahre nach dem Brandanschlag in Solingen zeigt der 25jährige Filmemacher Odabaşi persönliche Eindrücke, die er mit den rassistisch motivierten Brandanschlägen Anfang der 1990er Jahre verbindet. Es kommen die Stimmen der Angehörigen sowie einiger Prominenter wie des Grünen-Politikers Cem Özdemir, des Musikers Afrob oder des Kabarettisten Fatih Çevikkollu zu Wort. Durch die Enthüllungen im Zusammenhang mit den NSU-Morden war Odabaşi motiviert, die Hintergründe seitens der Betroffenen von rassistischen Anschlägen aufzudecken. Im Anschluss an den Film fand mit Odabaşi, dem Publizisten Frank Sundermeyer und Moderator Ekrem Şenol eine Diskussion zu diesem Thema statt. Etwas schade war, dass Odabaşi an diesem Abend wenig zur Debatte über den Film hinaus beitrug.

Humorvolles in Secret Agency

Grundsätzlich fiel auf, dass im Rahmen des Festivals das Interesse an politischen Themen  bei den Zuschauern groß war. Bei Lesungen zu nicht-politischen Themen fanden sich hingegen deutlich weniger Zuschauer in den unterschiedlichen Städten ein, was bedauerlich ist, denn auch unterhaltsame Literatur aus der Türkei ist zu empfehlen, wie Alper Canigüz in der Lesung aus seinem Roman Secret Agency bewies. Das Buch erschien in dem Verlag binooki, der sich auf deutsch-türkische Literatur spezialisiert hat.
Secret Agency ist ein witziges Stück Literatur, das sich mit den Skurrilitäten einer Werbeagentur auseinandersetzt, die mit dem Slogan wirbt: »Wir gratulieren zu den vielen Kunden! Uns reicht einer«. Das Buch landete auf Platz Zwei der Litprom-Bestenliste. Wer schon einmal einen Vorgeschmack auf die wohl verrückteste Werbeagentur weltweit bekommen möchte, sollte unbedingt die Homepage der fiktiven Agentur unter www.secretagency.cc besuchen. Erst bei näherem Betrachten erkennt man, dass es sich tatsächlich nicht um einen echten Agentur-Auftritt handelt.

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Moderation mit Live-Dolmetscherin

Einen wunderbaren Beitrag zu den Lesungen während des Festivals lieferte die Moderatorin und Dolmetscherin Sabine Adatepe aus Hamburg, die fließend alle Zuschauerfragen übersetzte und aus den deutschen Textauszügen las. Gelungen ist dabei das Konzept des Literaturfestivals, zwischen türkischen Abschnitten aus dem Originaltext der Autoren und von diesen unterschiedlichen, deutschen Auszügen in der Lesung zu wechseln.  So sind auch die deutsch-türkischen Zuhörer nicht benachteiligt, indem sie Passagen doppelt hören müssten.

Das neunte Literatürk-Festival bestach dieses Jahr mit einem neuen Besucherrekord und wer noch nicht da war, dem sei wärmstens empfohlen, im nächsten Jahr zum zehnjährigen Jubiläum vorbeizuschauen. Das Literatürk-Festival ermöglicht den Zuschauern auf vielseitige Weise einen Zugang nicht nur zu türkischer Literatur, sondern auch der Kultur dieses Landes im Allgemeinen. Vor allem kann man, wenn man selbst des Türkischen nicht mächtig ist, den Lesungen lauschen und die Schönheit der türkischen Sprache entdecken.

Fotos (c) von Anika Lehnert

1 Kommentar zu „Stadtgeschichten beim neunten Literatürk-Festival“

  1. Rafael Buglowski (Redaktionsmitglied fusznote) sagt:

    Ich muss zugeben, dass ich erst durch diesen Artikel (bewusst) vom Literatürk-Festival erfahren habe. Das Konzept in seiner Absicht ist überzeugend und es scheint ja obendrein auch noch sehr gut zu funktionieren. (Im nächsten Jahr werde ich sicherlich Lesungen des Festivals besuchen.)
    Diesem Literaturfestival sollte nicht der Rang abgelaufen werden, doch würde ich die Idee des Konzepts gerne um einen Gedanken erweitern, der vielleicht an seiner Machbarkeit scheitern könnte – auf alle Fälle müssten sich, wie es beim Literatürk-Festival der Fall zu sein scheint, sehr engagierte Organisatoren finden:
    Wäre im Ruhrgebiet ein Literatur-Festival in Form des Literatürk-Festivals machbar, bei welchem noch mehr Kulturen in Lesungen Ausdruck finden und in Diskussion treten können? Ich denke, eine solche Veranstaltung wäre zeitgemäß.