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Peter Handke: Die neuen Versuche

Veröffentlicht am 31. Oktober 2014

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Peter Handke setzt seine Essay-Reihe fort – auf dem stillen Örtchen und in den Pilzen

von Britta Peters

Wer sich dem umfangreichen Werk von 
Peter Handke nähern will, kann aus einer Fülle unterschiedlicher Textsorten wählen, die verlagsseitig in ein nur auf den ersten Blick homogenes Buchformat überführt wurden. Zu den empfehlenswerten Einstiegstexten gehört unter anderem die Reihe der als literarische Essays gestalteten Versuche, deren Form Handke, zuletzt für sein dramatisches Lebenswerk mit dem Internationalen Ibsen-Preis ausgezeichnet, nun wieder aufgenommen hat. In den frühen 90er-Jahren beschäftigte er sich mit jeweils einem Gegenstand, dem er sich via Versuch über die Müdigkeit (1989), Versuch über die Jukebox (1990) und dem Versuch über den geglückten Tag (1991) auf gezielten Umwegen näherte. 
Was lange wie eine nicht erklärte Trilogie aussah, erfährt jetzt in vorerst zwei neuen Bänden eine Fortsetzung und Weiterentwicklung. 2012 erschien der Versuch über den Stillen Ort und 2013 ein fast romanstarker Band mit dem Titel Versuch über den Pilznarren und dem scheinbar unschuldigen Zusatz Eine Geschichte für sich. 
Beide Bände sollen hier kurz vorgestellt werden, denn sie sind nicht nur exemplarisch für Handkes in den letzten Jahren produktive und beinahe andersheitere Werkphase, sondern auch beide sehr lesenswert.

Katzenwäsche auf dem Uniklo

Tröpfelnde Zipperlein, tote Spinnen an schmutzblinden Scheiben, Schlüpfriges, Glitschiges, unverdauliche Unappetitlichkeiten. – Das alles fürchtete so mancher versierte Fan und hat den Versuch über den Stillen Ort ausgelassen. Philip Roth hätte sie vielleicht erzählt, Handke verzichtet auf Bilder, die uns fliegenreich bis in den Schlaf verfolgen. Gleichwohl geht es um den Raum des ganz konkreten Örtchens, des Erzählers »nun fast schon lebenslanges Umkreisen und Einkreisen des Stillen Orts und der stillen Orte«. Dass der seinerzeit verquer und unbehaust das Haar auf der Toilette seiner Universität gewaschen hat und dabei ertappt wurde, stellt man sich gerne vor. Kühle Selbstironie durchzieht den Text, zu dessen Vorbereitung, so will es die selbstgeschriebene Legende, sogar ein Bildband über die schönsten Klosetts der Welt herangezogen wurde.

Im Grunde ist das Thema aber ernst. Es geht um die Flucht aus sozialer Erschöpfung, auf der ein enger Toilettenraum zur Freistatt wird, in der Entfaltung und Erholung möglich ist (Amos Oz hat seine ersten Schreibversuche auf dem Klo seines Kibbuzes gemacht, weil er dort einen Rückzugsraum fand, der die vermeintliche Unproduktivität verzieh). Es geht auch um den Tod.

Zentrale Szene ist die Reminiszenz an eine japanische Tempeltoilette, verquickt mit der Lektüre des ästhetizistischen Essays Lob des Schattens von Tanizaki Jun’ichirō, in dem die besondere Atmosphäre eben solcher Anlagen eine Rolle spielt. Nimmt man, von Handkes Ausführungen angeregt, Lob des Schattens zur Hand, liest man vom Arrangement mit dem Modernen, Grellen, Praktischen und von der Wehmut nach der Sanftheit der Dinge, die dieser Moderne vorausgegangen sind. Handkes Essay nimmt das auf und endet mit einer Naturbetrachtung, die, alle Endlichkeit harrt immer nah hinter den allzu menschlichen Bedürfnissen, auch einen Friedhof nicht auslässt. Aber noch führt den Erzähler der Weg von dort wieder fort, er findet auf dem stillen Örtchen wie auch am Ort der Letzten Dinge zu seiner Sprache und verlässt nach seinem Besuch beide, um weiterzuschreiben.

Gralssuche mit Doppelgänger

Handke, der sich selbst als »Ortsschriftsteller« bezeichnet hat, erforscht in seinem Werk Räume des Insularen und der Schwelle. Diese anderen Räume von Erkenntnis und Selbstwahrnehmung erreichen seine Erzählfiguren oft genug durch beharrliches Wandern von einem Revier ins andere. Auch der Versuch über den Pilznarren erzählt eine solche Reise, die des Protagonisten und seines merkwürdigen Freundes, eines exzentrischen Pilznarren. Der Erzähler berichtet uns von diesem Freund, der durch die Wälder zog, darüber sein Leben vernachlässigte und auf »heimliche Wege« geriet. Einmal auf dieser Spur in die andere Welt, ist der Pilznarr verloren. Er durchstreift neben oder nach einer Karriere als erfolgreicher Anwalt die Wälder seiner Heimat und sammelt Pilze, bis diese Obsession scheinbar zu einem vollständigen Verlust von Identität und Habitus gerät. Während wir dem Pilznarren und seinem Erzähler beim Durchwandern ihrer Leben zusehen, reichert sich die Geschichte mit Zitaten und Anspielungen auf die Texte des Schriftstellers Handke an, die wie Pilze aus einem Substrat sprießen, das die Textoberfläche bildet. Das erinnert ein wenig an Paul Austers Travels in the Scriptorium, auch wenn wir hier nicht ganz so offensichtlich Figuren begegnen, die vergangene Romane und Erzählungen bevölkerten.
Der Pilznarr entwandert dem urbanen Stadtraum in den Wald, auf Lichtungen und Hexenkreise. Ein einziges Mal macht er den ganz großen Fund, findet ein flüchtiges »Pilzland«, das erst durch langes Herumwandern aufgefunden werden kann. Die Rückkehr aus dieser Anderswelt gestaltet sich schwierig. Gleichwohl gelingt sie, Narr und Erzähler (wobei die beiden eigentlich untrennbar sind) treffen sich in einer frühwinterlichen Landschaft und sie machen sich (nach Pilzverirrung, Werkschau und Verschollengehen) auf zu einem langen Spaziergang »über die Dörfer«. Dort wird noch ein letztes Mal dem Narrentum gefrönt, um, hier ist sich der Text seines komischen Elements bewusst, letztlich auch ohne heiligen Lebensgral in einem Gasthaus namens »L’Auberge dü Saint Graal« einzukehren. Es gibt – natürlich – ein Pilzgericht.

Was nun lesen? Die Machart von Handkes Essays oder Erzählungen »für sich« demonstriert der Versuch über den Stillen Ort. Er ist eine würdige und selbstironische Fortsetzung der Versuche, verdient es, furchtlos und neugierig gelesen zu werden. Der Versuch über den Pilznarren ist mehr als nur die Variation über ein Thema. In ihm reist, wer es nachvollziehen mag, durch Handkeland, begleitet den Wanderer auf eben jenen heimlichen Wegen und hat umso mehr davon, je länger er das in Form vergangener Lektüren bereits getan hat. 
Testamentarisch ist der neue Versuch, dabei kein Monument, vielleicht einer der schönsten Texte, die Handke bis jetzt geschrieben hat.

Peter Handke: Versuch über den Stillen Ort. Suhrkamp 2012. 17,95 €, E-Buch 15,99 €.
Versuch über den Pilznarren. Eine Geschichte für sich. Suhrkamp 2013. 18,95 €, E-Buch 15,99 €.

Bild (c) Silvia Springorum