Aktuelle Mitteilungen

Weihnachten naht – was nun?

Veröffentlicht am 16. Dezember 2013

Zum Jahresende trägt die Redaktion der 
fusznote einige Bücher mit sich herum, die  ganz besonders schön zu lesen waren und 
die an dieser Stelle in einem kleinen Winter-Special versammelt zu Ehren kommen sollen. Nicht immer Neuerscheinungen, aber dafür in jedem Fall ein Buch, an dem uns liegt:

 

Für alle, die Sehnsucht nach dem Meer haben

von Anika Lehnert

ringelnatz_webWer die kalte Jahreszeit lieber am Meer verträumen möchte, der sollte seine Fantasie mit dem »Natz, der sich ringelt«, wie ihn Alfred Polgar nannte, beflügeln. Die gesammelte Meereslyrik des Humordichters Ringelnatz ist in einer ansprechenden, gebundenen Ausgabe erschienen, in der selbstverständlich auch nicht die bekannten Gedichte über den Seefahrer Kuttel Daddeldu fehlen.

Joachim Ringelnatz: Schöne Nixen knicksen. Die Meeresgedichte. mare 2012. 20 €.

 

Für Nachdenkliche und Handke-Leser

von Britta Peters

handke_webEin alter Mann, der Klartext kann und selten Rücksicht nimmt, spricht über die Toilette. Das fürchtete so mancher und hat Handkes Versuch über den Stillen Ort ausgelassen. Gebürgt sei hier dafür: Es dräuen keine medizinischen Probleme, weder unappetitliche Details, noch Schlüpfrigkeiten, keine Bilder, die uns fliegenreich bis in den Schlaf verfolgen. Stattdessen gibt es Betrachtungen über den Gehalt von Licht und Schatten – auch den Tod, der das heimliche Thema dieses schönen Textes ist – und erheiternde Anekdoten aus der Jugend des Erzählers. Eine würdige und selbstironische Fortsetzung der Versuche, sie verdient es, furchtlos gelesen zu werden.

Peter Handke: Versuch über den Stillen Ort. Suhrkamp 2012. 17,95 €, E-Buch 15,99 €.

 

Für sensible Augentierchen

von Shirin S. Schnier

flut_webFlut! Ein Roman in Bildern ist ein Geheimtipp für alle, die grafisch anspruchsvoll gestaltete Bücher und Graphic Novels lieben. Drookers Bildroman, der fast ohne Worte auskommt, erzählt die Geschichte eines Suchenden, von Einsamkeit und vom Verlorensein in der Anonymität der Großstadt. Die Tristesse verregneter New Yorker Straßen wird dabei von traumhaft-magischen Szenen durchbrochen. Seine Kraft verdankt der höchst poetische Band vor allem den ausdrucksstarken, lichtdurchfluteten Zeichnungen in Schabkartontechnik. Auf 192 Seiten ein visueller Hochgenuss!

Eric Drooker: Flut! Ein Roman in Bildern. avant 2013. €19,95.

 

Für alle Musterseher

von Corinna Meinold

illies_webEr jährte sich in diesem Jahr zum 100. Mal, der Sommer 1913. Mit seinem Portrait über den Sommer des Jahrhunderts ist Florian Illies ein fesselndes und faszinierendes Buch gelungen, das die Stimmungen und Strömungen aus Literatur, Kunst und Gesellschaft vereint und zu einem lesenswerten Panorama eines ganzen Jahres werden lässt.

Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. Fischer 2012. 19,99 €, E-Buch 17,99 €.

 

 

Für Neugierige und Brecht-Einsteiger

von Rafael Buglowski

brecht_webIns Regal jedes literarisch und historisch Interessierten gehört Jan Knopfs Biografie Bertolt Brecht – Lebenskunst in finsteren Zeiten. Eine spannende Erzählung vom Leben und Schaffen eines eigenwilligen und innovativen Künstlers, der die Goldenen Zwanziger und vor allem die Wirren und Kriege des frühen 20. Jahrhunderts sowie die Nachkriegszeit in der DDR miterlebte und kommentierte. Gespickt ist diese fundierte und anschaulich geschilderte Zeit- und Lebensbeschreibung mit Vorstellungen und Interpretationen von mitunter unbekannteren Werken und künstlerischen Aktionen Brechts und seiner (Mit-)Streiter. Absolut lesenswert, doch Vorsicht ist geboten: Sobald die Buchdeckel der Biografie zugeschlagen sind, führt der Weg unweigerlich in die Buchhandlung zur Anschaffung der Gesammelten Werke.

Jan Knopf: Bertolt Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten. Biografie. Hanser 2012. 27,90 €, E-Buch 20,99 €.

 

Für Panzerknacker und Kunstfreunde

von Kim Uridat

turner_web1994 wurden zwei Bilder von William Turner aus einem deutschen Museum gestohlen und Sandy Nairnes Buch  darüber eignet sich für alle, die wissen wollen, wie das funktioniert mit der Kunst, Kunstdiebstahl und dem Rückkauf gestohlener Beutestücke. Gerade der Rückkauf und die Verhandlungen gestalten sich schwierig und nervenaufreibend für alle Beteiligten, und immer schwebt über allem die Frage, ob und womit Museen bereit sind, Kunstwerke einzulösen. Ein spannendes Buch, das viel Einblick in den Kunstmarkt bietet.

Sandy Nairne: Die leere Wand. Museumsdiebstahl. Der Fall der zwei Turner-Bilder. Piet Meyer Verlag 2012. 23,30 €.

 

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Lesungsbericht: Stephen King in Hamburg

Veröffentlicht am 26. November 2013

Horrorautor Stephen King las am 19. und 20. November erstmals in Deutschland

von Ute Krusche

Stephen King begleitet mich mit seinen Büchern nun schon seit 30 Jahren. Mein erstes Buch von ihm war Friedhof der Kuscheltiere und seitdem habe ich alles gelesen, was er geschrieben hat. Für meine Generation (Jahrgang 1961) war er damals ein Phänomen. Es gab nichts Vergleichbares und ich hatte noch nie solche Romane gelesen. Ich lese bis heute kaum Horror-Romane (mein Lieblingsschriftsteller ist Thomas Mann) und trotzdem begeistert mich King jedes Mal auf’s Neue. Spätestens seit seinem Roman Der Anschlag bemerkten auch seine schärfsten Kritiker, dass er ein großer Erzähler ist.

Vor einigen Wochen gab Heyne bekannt, dass Stephen King zum ersten Mal Deutschland besucht. München und Hamburg standen auf dem Programm. Für mich als Kölnerin stellte sich nicht die Frage, ob, sondern wohin ich reisen werde, um dabei zu sein. Ich habe mich für Hamburg entschieden und innerhalb von Minuten waren Zug und Hotel gebucht. Am 20. November war es endlich soweit. Ich besuche regelmäßig Lesungen, aber diesmal war ich tatsächlich aufgeregt.

Erwartungsvolle Gesichter um mich herum im Foyer des Congress Centrum, eine spannungsvolle Stimmung – wir konnten es alle kaum erwarten. Kurz nach 20 Uhr betritt Stephen King die Bühne und 3000 Menschen stehen gleichzeitig auf, klatschen, rufen… Dieser Moment bescherte (bestimmt nicht nur mir) Gänsehaut. Da stand er nun im schlabberigen T-Shirt und wirkte für einen kurzen Moment irritiert, da der Beifall nicht aufhörte. Im Gespräch mit dem Moderator wurde er dann schnell locker und beantwortete jede Frage, die ihm gestellt wurde.

Als er auf die Frage, wie ihm der deutsche Titel von It gefällt, genüsslich „ESSSSSS“ ins Mikrofon raunt, gibt es tosenden Applaus. Überhaupt scheinen an diesem Abend nur „Hardcore-Fans“ da zu sein. Jede Erwähnung seiner Romanfiguren, oder eines seiner Buchtitel feiert das Publikum frenetisch. Ruhig wird es, als er eine sehr gefühlvolle Passage aus Doctor Sleep vorliest, die vom Sterben eines alten Mannes erzählt. Stephen King spricht offen über seine Alkoholsucht und wie wichtig für ihn das Schreiben ist. Zwischendurch macht er immer wieder ein paar Scherze und die Zeit vergeht viel zu schnell.

Natürlich muss an dieser Stelle auch David Nathan erwähnt werden. Er liest fast alle Hörbücher von Stephen King ein und durfte an diesem Abend nicht fehlen. Großartig, wie er nach einem Blick auf das gespannte Publikum schlicht kurz durchatmete und absolut genial ein Kapitel aus Doctor Sleep vorlas.

Nach rund zwei Stunden war alles vorbei und ich blieb, wie viele andere Besucher auch, noch eine Zeitlang vor dem Congress Center stehen, um dieses Erlebnis zu feiern. Eins steht fest: Sollte Stephen King jemals wieder nach Deutschland kommen, bin ich dabei.

Stephen King in Hamburg

(Fotos: Ute Krusche)

Stadtgeschichten beim neunten Literatürk-Festival

Veröffentlicht am 17. November 2013

»Literatürk e Hoş Geldiniz! – Herzlich Willkommen zu Literatürk!«  hieß es vom 1. bis  9. Oktober 2013 im Ruhrgebiet

von Anika Lehnert

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Unter dem Motto »Stadtgeschichten« fanden im Rahmen des neunten deutsch-türkischen Literaturfestivals Literatürk Lesungen in Essen, Gelsenkirchen und Dortmund statt. Hinzu kamen filmische, szenische sowie lyrisch-musikalische Beiträge, die ein vielseitiges Kulturprogramm präsentierten. Im neunten Jahr des Festivals wurden hochkarätige türkische Schriftstellerinnen, Schriftsteller und Journalisten eingeladen, um aus ihren veröffentlichten Romanen zu lesen oder einen Einblick in Textpassagen aus noch entstehenden Werken zu liefern. Zu Gast waren dieses Jahr unter anderem bekannte Autoren wie Murathan Mungan, Alper Canigüz, Murat Gülsoy, Can Dündar und Tanil Bora.
Literatürk ist das einzige Literaturfestival in Nordrhein-Westfalen, das sowohl türkische als auch deutsche Zuschauer begrüßt, indem zweisprachig gelesen und diskutiert wird. Organisiert wird das Projekt von den Schwestern Semra Uzun-Önder und Fatma Uzun sowie von Johannes Brackmann, es entstand 2005 aus dem Wunsch heraus, die kulturelle Szene beider Länder im Ruhrgebiet zusammenzubringen.

Lesezentren Istanbul und Ankara

Der türkische Literaturbetrieb ist in den letzten Jahren gewachsen, obwohl in der Türkei immer noch tendenziell eher ferngesehen statt gelesen wird. So ist es auch für die türkischen Schriftsteller, die nach Deutschland eingeladen werden, eine neue Erfahrung, vor einem Publikum zu lesen, denn das Format der Autoren-Lesung existiert in der Türkei nicht in großem Umfang.

Signierstunden in den Lesezentren Istanbul und Ankara sind hingegen geläufig.
Kulturelle Unterschiede werden darüber hinaus jedes Jahr bei der Organisation des Festivals offenbar, wenn die Veranstalterinnen sich mit den Autorinnen und Autoren für eine Lesung in Kontakt setzen: »Wir fragen schon möglichst spät bei den Autoren an, aber oft heißt es dann noch: Ich kann doch noch nicht sagen, was in zwei Monaten ist«, erzählt Semra Uzun-Önder mit einem Schmunzeln. »Aber zum Glück klappt es dann doch, dass sie Zeit für uns finden.«

Proteste im Gezi-Park

Unsicher war allerdings bis zuletzt, ob der sehr bekannte türkische Journalist und Filmemacher Can Dündar zu der Veranstaltung Wem gehört die Stadt? Vom Aufstand im Park zur Protestbewegung erscheinen würde, da es Probleme mit seinem Visum gab.
Das Zittern um seine Präsenz hat sich jedoch gelohnt. Bei keiner anderen Veranstaltung war die Nachfrage nach Karten so groß wie bei dieser, sodass die Zuschauer in dem ohnehin schon großen Saal standen, um Lesung und Diskussion beizuwohnen zu können. Can Dündar ist ein charismatischer Autor, der unterhält, das Publikum amüsiert und gleichzeitig bewegend von seiner eigenen Geschichte bei den Protesten im Gezi-Park in Istanbul erzählt. Der Journalist las aus dem ersten Kapitel seines noch im Entstehen begriffenen Buches mit dem Titel: Gezi. Wer könnte schöner sein, wenn er erwacht, das sich mit Protestbewegungen in der ganzen Welt auseinandersetzt: »Wir vertrauten unseren Kindern. Dieses Vertrauen hatte den Grundstein zu ihrem Selbstvertrauen gelegt. Aus diesem Grund sagten wir auch nicht wie unsere Eltern: »Um Gottes willen, mein Kind, halt dich da raus!« Ganz im Gegenteil, wir schlossen uns ihnen an, wenn sie zur Aktion schritten. Oder wir setzten ihnen eigenhändig die Gasmasken auf und schickten sie los. Die Parole: »Keine Sorge, Mama, wir sind in den hinteren Reihen«, war eine humorvolle Referenz an die Köpfe von damals. Tatsächlich lautete die Parole nun: »Keine Sorge, mein Kind, wir stehen hinter dir.««

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»Überall ist Taksim, überall ist Widerstand«

Can Dündar berichtete von seinen persönlichen Erfahrungen während der Proteste im Gezi-Park, die sich zunächst gegen die Pläne der Bebauung des Parks richteten und schließlich in landesweiten Kundgebungen gegen die Regierung mündeten. Dass sich die junge Generation in der Türkei in Form von Demonstrationen zusammenfindet, sei etwas vollkommen Neues, hielt der Autor fest. Die Protestformen sind vielfältig. So erhoben sich während eines Fußballspiels, das live im Fernsehen übertragen wurde, die Zuschauer in der 34. Minute und riefen den Slogan der Protestbewegung: »Überall ist Taksim, überall ist Widerstand«. Die türkischen Medien versuchten dies zu verhindern, indem sie entweder den Ton abstellten oder die Tonspur eines anderen Spiels darüber legten. Die Zahl 34 gilt als symbolische Ziffer für die Proteste, da sie für das KFZ-Zeichen von Istanbul als Ursprung der Bewegung steht.

93/13 – 20 Jahre nach dem Brandanschlag in Solingen

Während Can Dündar die Geschichte seiner Stadt Istanbul erzählte, wurde die Geschichte Solingens im Rahmen einer ergreifenden Dokumentation von Mirza Odabaşi nachgezeichnet. In 93/13. 20 Jahre nach dem Brandanschlag in Solingen zeigt der 25jährige Filmemacher Odabaşi persönliche Eindrücke, die er mit den rassistisch motivierten Brandanschlägen Anfang der 1990er Jahre verbindet. Es kommen die Stimmen der Angehörigen sowie einiger Prominenter wie des Grünen-Politikers Cem Özdemir, des Musikers Afrob oder des Kabarettisten Fatih Çevikkollu zu Wort. Durch die Enthüllungen im Zusammenhang mit den NSU-Morden war Odabaşi motiviert, die Hintergründe seitens der Betroffenen von rassistischen Anschlägen aufzudecken. Im Anschluss an den Film fand mit Odabaşi, dem Publizisten Frank Sundermeyer und Moderator Ekrem Şenol eine Diskussion zu diesem Thema statt. Etwas schade war, dass Odabaşi an diesem Abend wenig zur Debatte über den Film hinaus beitrug.

Humorvolles in Secret Agency

Grundsätzlich fiel auf, dass im Rahmen des Festivals das Interesse an politischen Themen  bei den Zuschauern groß war. Bei Lesungen zu nicht-politischen Themen fanden sich hingegen deutlich weniger Zuschauer in den unterschiedlichen Städten ein, was bedauerlich ist, denn auch unterhaltsame Literatur aus der Türkei ist zu empfehlen, wie Alper Canigüz in der Lesung aus seinem Roman Secret Agency bewies. Das Buch erschien in dem Verlag binooki, der sich auf deutsch-türkische Literatur spezialisiert hat.
Secret Agency ist ein witziges Stück Literatur, das sich mit den Skurrilitäten einer Werbeagentur auseinandersetzt, die mit dem Slogan wirbt: »Wir gratulieren zu den vielen Kunden! Uns reicht einer«. Das Buch landete auf Platz Zwei der Litprom-Bestenliste. Wer schon einmal einen Vorgeschmack auf die wohl verrückteste Werbeagentur weltweit bekommen möchte, sollte unbedingt die Homepage der fiktiven Agentur unter www.secretagency.cc besuchen. Erst bei näherem Betrachten erkennt man, dass es sich tatsächlich nicht um einen echten Agentur-Auftritt handelt.

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Moderation mit Live-Dolmetscherin

Einen wunderbaren Beitrag zu den Lesungen während des Festivals lieferte die Moderatorin und Dolmetscherin Sabine Adatepe aus Hamburg, die fließend alle Zuschauerfragen übersetzte und aus den deutschen Textauszügen las. Gelungen ist dabei das Konzept des Literaturfestivals, zwischen türkischen Abschnitten aus dem Originaltext der Autoren und von diesen unterschiedlichen, deutschen Auszügen in der Lesung zu wechseln.  So sind auch die deutsch-türkischen Zuhörer nicht benachteiligt, indem sie Passagen doppelt hören müssten.

Das neunte Literatürk-Festival bestach dieses Jahr mit einem neuen Besucherrekord und wer noch nicht da war, dem sei wärmstens empfohlen, im nächsten Jahr zum zehnjährigen Jubiläum vorbeizuschauen. Das Literatürk-Festival ermöglicht den Zuschauern auf vielseitige Weise einen Zugang nicht nur zu türkischer Literatur, sondern auch der Kultur dieses Landes im Allgemeinen. Vor allem kann man, wenn man selbst des Türkischen nicht mächtig ist, den Lesungen lauschen und die Schönheit der türkischen Sprache entdecken.

Fotos (c) von Anika Lehnert

Twitter-Gedenkprojekt zur Pogromnacht 1938

Veröffentlicht am 8. November 2013

von Christian Wobig

Der 9. November wird gern als der „Schicksalstag der Deutschen“, ein monadisches Datum, bezeichnet, an dem sich zahlreiche Wendepunkte als Höhe-  wie Tiefpunkte der deutschen Geschichte kreuzen. Beginnend im Jahr 1848 mit dem Anfang vom Ende der Märzrevolution (Hinrichtung des republikanischen Abgeordneten der Frankfurter Nationalsversammlung Robert Blum), über das Ende des zweiten Deutschen Reiches 1918, den euphemistisch als „Reichskristallnacht“ bezeichneten Pogrom gegen jüdische Geschäfte, Gotteshäuser und Menschen jüdischen Glaubens im Jahr 1938, bis hin zum Fall der Mauer im Jahr 1989, der das Ende der DDR und die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten einläutete.

Wenngleich der Begriff des „deutschen Schicksalstages“ auch mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden muss, da in ihm die Tendenz mitschwingt, das Schicksal sei etwas, das über die Menschen kommt und sie ereilt, ohne das diese eine Wahl gehabt hätten. Die Verbrechen von Verfolgung und Vernichtung wären dann keine bewusst verübte und durch zahlreiche niedrige Beweggründe motivierte Taten mehr, sondern ein „alternativloses“ Ereignis, für das der einzelne Akteur keine Verantwortung trage.

Genau dieser Gefahr wirkt ein ambitioniertes Microblogging-Projekt entgegen, das sich zum 75. Jahrestag dieses „dunkelsten aller 9. November“ zwischen 1918 und 1989 befasst: der Reichspogromnacht von 1938, die der Höhepunkt gewalttätiger Ausschreitungen gegen Juden zwischen dem 7. und dem 13. November 1938 war.

Unter dem Accountnamen @9nov38 vollziehen auf Twitter die Historikerinnen und Historiker Charlotte Jahnz, Petra Tabarelli, Christian Gieseke, Michael Schmalenstroer und Moritz Hoffmann bereits seit Donnerstag  die Ereignisse jener ersten deutschlandweit ausgeführten und organisierten Gewaltnacht tages- und uhrzeitgenau nach. Die Texte aller Tweets sind wissenschaftlich fundiert, sie erzählen reale Ereignisse nach, die tatsächlichen Personen ungefähr zu diesem Zeitpunkt zugestoßen sind.

Trotz des bei maximal 140 Zeichen pro Tweet begrenzten Raumes macht dieses Projekt die Dynamik der Ereignisse anschaulich. Von der propagandistischen Instrumentalisierung des Attentats des in Paris lebenden polnischen Juden Herschel Grynszpan auf den
deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath am 7. November, dem dieser am 9. November erlag, über die gezielte Hetze und organisierte Anstachelung zur Gewalt, bis hin zur Einbindung und willentlichen Teilnahme der Akteure.

@9nov38 wird klarmachen, dass das Pogrom keine Naturkatastrophe gewesen ist, der die deutsche Bevölkerung hilflos gegenüberstand, sondern dass es auf allen Ebenen Mitwirkung gegeben hat. Auch die andere Seite, die der Opfer, kann dadurch nicht länger als gesichtslose Masse betrachtet werden.

So wird das ganze Ausmaß des Pogroms deutlich, der heute als signifikanter Schritt in Richtung der im Krieg umgesetzten Vernichtungspolitik bewertet wird. Gleichzeitig beweist es, dass soziale Medien genutzt werden können, um Geschichte zugleich wissenschaftlich fundiert und lebensnah zu vermitteln, so dass die Dimension der lokalen Teilhabe an den Gewalthandlungen besonders deutlich dargestellt werden kann.

Parallel zu den Tweets über den Verlauf der Ereignisse um den 9. November 1938 gibt es eine erläuternde Website unter 9nov38.de. Sie zeigt weitere Informationen zum Projekt und den wissenschaftlichen Apparat.

Fritz J. Raddatz: Bestiarium der deutschen Literatur

Veröffentlicht am 9. Oktober 2013

Literatur-Safari mit Giftschlange
Fritz J. Raddatz nimmt uns mit auf eine Tour durch die Autoren-Tierwelt

von Philipp Kressmann

Was für ein Tier wäre eigentlich Böll? Was hat Grass mit Aalen gemeinsam? Warum kann man Dürrenmatts Erzählstil mit den Fäden einer Weinbergschnecke vergleichen? Solche Fragen stellt sich Fritz J. Raddatz in seiner Freizeit. Der Autor, ehemaliger Feuilletonchef der ZEIT und Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung, hat bereits Biografien über Benn und Rilke verfasst und wurde in den 70-er und 80-er Jahren durch engagiert-eigensinnige Literaturkritiken und Essays bekannt. Selbst Marcel Reich-Ranicki fand bisher nur lobende Worte für seinen Kollegen. Spätestens mit seinen
2010 erschienenen Tagebüchern erwies sich Raddatz als ebenso unkonventionell-witziger wie bitterböse-hämischer Kulturbetriebsbeobachter.

In seinem neuem Buch Bestiarium der deutschen Literatur macht er diesem Ruf nun wieder alle Ehre – und orientiert sich diesmal formal am Modell der 1922 publizierten Sammlung Großes Bestiarium der Literatur von Franz Blei, indem er berühmte deutsche Schriftsteller der Gegenwart als exotische Tiere porträtiert. Das Konzept geht auf: Raddatz’ Satire besticht und funktioniert vor allem durch ihren  suggerierten wissenschaftlichen Ernst. Wie es sich für einen ordentlichen Forschungsbericht gehört, wird in der Quellenangabe sowohl Grzimeks Enzyklopädie als auch Brehms Tierleben aufgeführt. Die Verhaltensmuster der beschriebenen Tiere sind nämlich keineswegs erfunden und den dargestellten Autoren willkürlich übergestülpt, sondern stützen sich auf zoologische Kenntnisse, auch wenn Raddatz in einer editorischen Notiz am Ende seines Bestiariums einräumt, dass man es eher mit einem »Schmunzel-Brevier« als mit einer wissenschaftlichen Arbeit zu tun hat.

Raddatz selbst entpuppt sich als talentierte Giftschlange, zum Beispiel wenn Jürgen Habermas – dessen Hauptwerk ja gerade die Theorie des kommunikativen Handelns ist – als kommunikationsunfähiger Primat abgehandelt wird, dessen völlig rätselhafte Verständigungssprache bisher noch nicht einmal von einem internationalen Dechiffrierkartell entschlüsselt werden konnte. Extrem amüsant ist auch das Profil von (dem nicht gerade als zugänglich geltenden) Thomas Bernhard geraten, der sich literarisch besonders für den Tod interessiert hat. Er wird von Raddatz als »fledermausartiger Totenvogel« beschrieben, der »vornehmlich auf Friedhöfen oder in Spital-Gärten nistet und als »bösartig gegenüber seiner Umwelt gilt.« Diese hämische Tiervergleichs-Komik  mag manchmal ein wenig affig wirken, aber sie ist stets pointiert verfasst und zeitweilig sogar erstaunlich plausibel. Ebenso, wenn es auch Peter Härtling, der größtenteils Kinderbücher verfasste, an den Kragen geht. Spöttisch wird er von Raddatz als »behäbige Raupe« beschrieben, »die wider Erwarten der Wissenschaftler sich nie zu einem Schmetterling verpuppte, sondern nach vielen Mutationen […] immer nur ein Kriechtier blieb.«

Daneben gibt es aber auch Passagen, die zu wenig schlüssig geraten sind, weil sie zu viele Interpretationsmöglichkeiten bieten. Im Portrait über Martin Walser etwa wird dieser als geübter Tauchvogel präsentiert, der alles versucht, um nie an die Wasseroberfläche zu kommen. Doch was soll das bedeuten? Wird Walser hier für sein tiefenpsychologisches Gespür gerühmt? Oder meint das auf metaphorischer Ebene, dass Walser krampfhaft und unnötig kompliziert schreibt? Nicht immer setzt also ein Aha!-Effekt beim Leser ein, letzten Endes doch das wichtigste Indiz einer gelungenen Pointe. Zu viele Insidergags sorgen mitunter dafür, dass Raddatz’ Ausführungen streckenweise zu ambivalent geraten. Trotz lebhafter Darstellungen (der Illustrator Klaus Ensikat hat für jedes Porträt eine Zeichnung beigesteuert) und wendiger Formulierungen vermisst man bei einzelnen Porträts die Ähnlichkeit des dargestellten Tieres zum Autor.

Doch zum Glück sucht man sie bei den meisten Abhandlungen nicht vergeblich. Die Beschreibungen haben es einfach in sich. Was aber gleichzeitig nicht heißt, dass es sich beim Bestiarium der deutschen Literatur um allzu leichte Unterhaltungslektüre handelt. Raddatz ist ein echter Fuchs: Genauso, wie er es versteht, glanzvoll zu unterhalten, wird der Leser auch von ihm gefordert. Das zoologische Wissen ist dabei eher irrelevant, doch der literarische Background der jeweils skizzierten Autoren wird jeweils vorausgesetzt. Um also beispielsweise zu verstehen, warum es durchaus ein Lacher ist, dass Alexander Kluge als »Mischzüchtung […], die zwei kooperierenden Forscherteams renommierter Universitäten gelungen ist«, beschrieben wird, sollte man wissen, dass Kluge sowohl Schriftsteller als auch Filmemacher ist. Wegen Fällen wie diesen ist Raddatz’ Bestiarium eine implikationsreiche Satire, die aber trotzdem nichts an Unterhaltungswert einbüßt. Eine Kunst, die Raddatz größtenteils spielerisch mit diesem Buch gelingt. Der Autor selbst bezeichnet sich am Ende übrigens als »Prachtleierschwanz«, der über viele verschiedene Gesangstile verfügt (»Spott-Töne des Wippflöters wie zarte Balzlaute«) und als einer der stilvollsten Singvogelexemplare gilt.  Ob das passt oder nicht, sei dahingestellt. Klar ist aber: Ein Chamäleon oder ein Rudeltier ist der eigenwillig-fantasievolle Raddatz sicher nicht.

Fritz J. Raddatz: Bestiarium der deutschen Literatur. Rowohlt, 2012, 19,95 €. E-Buch 16,99 €.

Hans Magnus Enzensberger: Enzensbergers Panoptikum. Zwanzig Zehn-Minuten Essays.

Veröffentlicht am 9. Oktober 2013

Über die Abnormitäten des menschlichen Daseins. In Enzensbergers Panoptikum widmet sich der der Meister der prägnanten Abhandlung tragi(komi)schen Problemen der Erdbevölkerung

von Shirin S. Schnier

Hans Magnus Enzensberger ist nicht dafür bekannt, dass er sich ins gemachte Nest, auf Allgemeinplätze der öffentlichen Meinung oder bestimmter politischer Lager setzt. Bereits in der 68er-Bewegung bezog er keine eindeutige politische Position, was damals undenkbar war und ihm verbale Prügel eintrug. Er war Realist und konnte daher mit Widersprüchen leben. Bis heute, mit über 80, hat er sich eine erfrischend unorthodoxe Weltsicht erhalten. Auch sein neuester Essayband zur Lage der Nation (und der Welt insgesamt) kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus.

Verlockungen der Kulturindustrie

Der Band ist treffsicher mit Panoptikum betitelt, in Anlehnung an ein ebenso bezeichnetes 1935 von Karl Valentin eröffnetes »Kuriositäten- und Gruselkabinett«, in dem man neben merkwürdigen Folterinstrumenten »allerhand Abnormitäten, Sensationen und Erfindungen« bestaunen konnte. Enzensbergers Exponate, die er in zwanzig Zehn-Minuten-Essays (so auch der Untertitel) zum Besten gibt, weisen ein ähnlich weites Spektrum auf. Da gibt es ganz harmlose Erscheinungen des menschlichen Alltags wie den Putzfimmel der Deutschen oder die weltweite Vielfalt sexueller Orientierungen. Da gibt es skurrile Dinge wie das Erfinden von Nationen am Schreibtisch, die imaginären Verlockungen der Kulturindustrie oder den Aufstieg früher als ehrlos geltender Berufe, darunter der des Possenreißers, in den Olymp der Massenmedien. Und da gibt es bedrohlich anmutende Gebilde wie das Wetteifern von Religionen und Naturwissenschaften um die absolute Wahrheit, den allgemein beklagten Verfall unserer ›Werte‹ (denen Enzensberger keine Träne nachweint, weil es sie seiner Ansicht nach nie gab) oder auch unlösbare Probleme der gegenwärtigen Politik (wie die Folgen des demografischen Wandels).

Zugegeben, viele der behandelten Themen sind dem zumindest durchschnittlich informierten Leser nicht völlig neu. Aha-Momente sind bei der Lektüre trotzdem drin, auch weil bekannte Um- und Missstände menschlichen Seins im Panoptikum neu ausgeleuchtet werden und dadurch ungewohnte Schatten werfen.

So denkt Enzensberger zum Beispiel über die »Tücken der Transparenz« nach, die unsere heutige Gesellschaft kennzeichnet und auf die doch viele so stolz sind. Er gibt zu bedenken, dass trotz oder gerade wegen der Flut an Informationen, die jedem Bürger zugänglich sind, in Verbindung mit der Presse-, Meinungs- und Informationsfreiheit die Nachfrage nach Verschwörungstheorien ins Unermessliche gestiegen ist. Gleichzeitig diagnostiziert er eine Übersättigung an Informationen über angebliche und tatsächliche Enthüllungen, die zu allgemeiner Gleichgültigkeit und damit zur Kurzlebigkeit des Skandals führe. Diese Gleichgültigkeit der Bürger erkennt der Autor auch im Umgang mit den social networks (den »asozialen Netzwerken«, wie er sie an anderer Stelle nennt), die ihren fantastischen Börsenwert den freiwillig gelieferten und gespeicherten Nutzerdaten, der »Erosion« der Privatsphäre, verdanken.

Kopfschmerzen für die Ökonomen

Ähnlich irrational, so Enzensbergers Eindruck, verhält sich der Mensch in Bezug auf das liebe Geld. Er ist nämlich längst nicht immer darauf aus, seinen ökonomischen Vorteil zu maximieren, wie es in den neoklassischen Wirtschaftswissenschaften noch die verbreitete Ansicht ist. Er wirft sein Geld aus dem Fenster, vergeudet wertvolle Zeit oder verschenkt seine Moneten ohne Gegenleistung. Er arbeitet zuweilen ehrenamtlich in Krisengebieten, d. h. hart, gefährlich und unbezahlt, und er ist mitunter sogar grundehrlich, obwohl ihm das alles keine finanziellen Vorteile bringt. Dieses ›abnorme‹ Verhalten bereitet den Ökonomen Kopfzerbrechen. Enzensberger weist ihnen einen Ausweg aus dem Dilemma: eine auf dem Selbstversuch basierende »Mikroökonomie«, die die viel gepriesene ökonomische Vernunft als bloßen Mythos entlarven würde.

Angesichts weltweiten Wahnsinns, universaler Unvernunft und unlösbarer politischer und gesellschaftlicher Probleme gibt sich der Autor dennoch nicht der Schwarzseherei hin. Er bewahrt sich seinen unverkennbaren, stilistisch ausgefeilten Humor, gewürzt mit Ironie und zuweilen leichtem Sarkasmus, der die Lektüre höchst unterhaltsam gestaltet und das Panoptikum in weite Ferne zur erschöpfenden akademischen Darstellung rückt. Zuweilen lässt sich Enzensberger gar zu optimistischen Tönen hinreißen. Etwa, wenn er die vertraute Perspektive aufgibt und die Frage stellt, wie es sein kann, dass in unserer Gesellschaft »überhaupt etwas ›klappt‹ und nicht vielmehr nichts«, dass »mitten im Irrsinn das eine oder andere tatsächlich funktioniert, und zwar nicht nur gelegentlich oder ausnahmsweise, sondern sogar jeden Tag von neuem.« Eine solche Sicht der Dinge tröstet ungemein.

Hans Magnus Enzensberger: Enzensbergers Panoptikum. Zwanzig Zehn-Minuten Essays.Suhrkamp, 2012, 14,00 €.

Marcel Lepper: Philologie zur Einführung

Veröffentlicht am 9. Oktober 2013

Die Zukunft der Philologie ist ihre Genealogie

von Ali Zein

Im alltäglichen Sprachgebrauch scheint sie schon längst ausgestorben, allein im bürokratischen spukt sie noch herum, und treibt ihr das nicht eher noch den Sargnagel tiefer? Ich rede von der Philologie. Bekanntlich studiert man ›-istiken‹, und wenn ›-istik‹ nicht passt, auch mal ›‑logien‹; auf die Frage, was sie studieren, antworten Studenten dieser Fächer mit ›Anglistik‹, ›Germanistik‹, ›Romanistik‹, ›Sinologie‹, usw. – wer aber sagt schon ›germanistische‹ oder gar ›deutsche Philologie‹? Klingt das nicht nach Bismarck- und Hindenburgdeutschland? (In der Tat die Zeit der Hochblüte.) Überhaupt, was sollte das sein, eine Wissenschaft von der Liebe zum Wort? Umfasst das nur eine oder mehrere Sprachen? Zudem, gehören auch die älteren Literaturen, etwa des Mittelalters, dazu oder meint man wie so häufig bloß die Literatur um und ab der ›magischen‹ Grenze 1800? Oder ist das gar nur Linguistik?

Dass das in der Breite nicht klar ist, wird auch am internationalen Fachdiskurs deutlich, der keine feste Definition kennt, was ›Philologie‹ ist und was sie sein sollte. Wovon man redet, wenn man in England von philology redet, ist etwas anderes, als wenn man in Deutschland von ›Philologie‹ spricht (und ›Textkritik‹ meint) oder in Frankreich und Spanien philologie bzw. filología sagt. Während erstere ›Linguistik‹ meinen und philology sagen, streben die beiden letzteren an, sowohl linguistische, literarische als auch text- und editionskritische Studien zu umfassen. Das umschreibt in etwa das glanzvolle Elend einer Philologie, die nicht bloß die Summe der einzelnen Philologien sein will.

Insofern ist es von Marcel Lepper schon mutig, eine Einführung zu einem Fach zu schreiben, das es nicht gibt. In ihr unternimmt er den Versuch, die Philologie für Anfänger und interessierte Laien aufzuziehen und liefert damit eine Mischung aus Sach- und Fachbuch. Sachlichkeit der Informationen und des Stils zeichnen  Leppers Buch aus, Wissenschaftssprache ist rar. Sein Buch gliedert sich in sieben Teile, in denen er Definitionsvorschläge macht, einen kurzen geschichtlichen wie institutionellen Abriss gibt und nach den Erkenntnismethoden und -gewinnen fragt.

Im ersten Kapitel nähert er sich wortgeschichtlich seinem Gegenstand und spielt vier Definitionen für ›Philologie‹ durch, von der ›Liebe zum Wort‹ über das wissenschaftliche Interesse an Sprach- und Textstrukturen bis zur akademischen Disziplin. Verstärkt wendet er sich dann ihrer Sachgeschichte zu, wobei Lepper sehr interessant die institutionellen Bedingungen (Bibliothek, Archiv, Museum, Universität) zu schildern im Stande ist. Im Grunde hat das Buch eine Spiegelstruktur, wenn ›Philologie‹ im vorletzten Kapitel (»Konjunkturen«) wieder institutionell (mit dem Schwerpunkt Fach- und Sachgeschichte) abgehandelt wird und das letzte Kapitel (»Habitus«) definitorisch versucht, eine Soziologie der Philologie zu liefern, in der z. T. aber heillose Klischees bedient werden.Redundanzen entstehen jedoch kaum.

Obwohl Leppers Einführung eine kleine Ideengeschichte der Philologie zu sein scheint, bleibt er merkwürdig synchron. Zwar arbeitet er durchgängig definitions- und forschungsgeschichtlich, verharrt dabei aber auf der Ebene gültigen Lexikonwissens. Doch Aktualität historischer Wissensbestände ist nicht dasselbe wie Historie. Das kann auch das spannende und wunderbar anti-eurozentristische Kapitel über globale, philologische Traditionen nicht ändern, wozu es leicht zwanzig Seiten mehr bedurft hätte. Denn leider leistet sein Überblick nicht mehr als die Benennung dieser Traditionen. Werden geschichtliche Bezüge gegeben, dann fast ausschließlich als Attacken auf die »Erfolgsgeschichten« einer sich geschichtsphilosophisch interpretierenden Philologie der Spätromantik im 19. Jahrhundert. Die Geburtskammer der modernen, europäischen Philologie aber gehört ins ins 18. Jahrhundert und ihre Hebammen sind die Ästhetik, Poetik und Hermeneutik.

Dahinter mag der Versuch stehen, die Aktualität von Philologie zu betonen. Lepper macht das besser als viele Bücher der letzten Jahre, die sich dem Thema widmeten. Doch Philologie ist eine Tätigkeit des Vorgestern im mehrfachen Sinne. Sie beginnt als Arbeit am Heiligen, an der Konservierung und Kommentierung des pneumatischen Logos, und auch in Zeiten ihrer Säkularisierung bildet das Heilige ihre Rückseite wie ein Goldhintergrund Klimts – wozu ein Blick auf die Geschichte unserer Kanonpflege genügt. Ihren Sitz hat sie in der Vergangenheit der undifferenzierten Disziplinen. Nicht umsonst war der Grammatiker der Antike auch ihr Universalgelehrter. Aber auch ihre Zukunft gründet im Vorgestern, was besonders die lexikographischen Großprojekten zeigen, etwa das Deutsche Wörterbuch mit 123 Jahren Laufzeit.

In Zeiten sich rapide ausdifferenzierender Fächer im Gesamtspektrum aller Wissenschaften, in denen selbst die immatrikulationsrelevanten Selbstbezeichnungen wie Dinosaurier zu wirken beginnen, ist Philologie ein Fossil aus der Zeit, in der das Leben entstand. Auch ihre in den letzten Jahren versuchten Neuerfindungen durch Gumbrecht et al., die ihr für eine angebliche Sorgfalts-, Genauigkeits- und Disziplinkultur den Ehrendoktor aufsetzen wollen, täuschen nicht über die Tatsache hinweg, dass sie dem Gorgonenhaupt längst ins Gesicht gestarrt hat. Diese Versuche verschleiern bloß, dass die Missstände an deutschen Unis Konsequenzen der verpatzten Bologna-Reformen sind und nicht weil die Philologie als bildungsbürgerliches Tugenddiplom abgeschafft wurde.

Dass die Philologie ihren Hoheitsstatus als Leitwissenschaft verloren hat, ist auch so eine Geschichte des Vorgestern, eine nicht beklagenswerte. Gerade als Hilfswissenschaft bleibt sie unentbehrlich. Philologie in der Leichenstarre konstitutioneller Monarchie zu konservieren, kann nur falsch sein. Vielmehr gilt: Setzen wir Philologen uns ins Archiv und arbeiten diese Geschichte auf. Leppers Einführung ist ein erster Schritt dazu. Schreiben wir uns nicht auf die Fahne:
La philologie est morte, vive la philologie!

Marcel Lepper: Philologie zur Einführung. Junius, 2013, 13,90 €.

Stéphane Hessel: An die Empörten dieser Erde!

Veröffentlicht am 9. Oktober 2013

»Es gibt also viel zu tun«

von Niko Stateczny

In seinem letzten Werk An die Empörten dieser Erde! Vom Protest zum Handeln fordert der im Februar 2013 verstorbene französische Philosoph Stéphane Hessel jeden auf sich als Weltbürger zu begreifen, der seinen Teil zu einem friedlichen Zusammenleben aller Menschen beitragen kann.

Überall auf der Welt demonstrieren junge Menschen. In Nordafrika gegen ihre Herrscher, in Spanien, weil sie keine Arbeit finden und in den USA, weil ihnen die Macht der Finanzmärkte unheimlich wird. Und zeitgleich gab es einen 95 Jahre alten Schriftsteller, dessen Botschaften vor allem auch von diesen Demonstranten, diesen Empörten gehört wurden und werden. Wie kann es sein, dass dieser Mann, Stéphane Hessel, einen so überwältigen Erfolg hat?

Seine beiden Werke Empört Euch! und Engagiert Euch! wurden millionenfach verkauft und sind in fast jedem Winkel dieser Erde erhältlich. Wer nach der großen Faszination, die Stéphane Hessel ausübt, fragt, kann durch die Lektüre von An die Empörten dieser Erde!, der vertiefenden Denkschrift zu den beiden vorherigen Bestsellern, Antworten erhalten. Wer nun eine philosophische Denkschrift erwartet, hat Recht und liegt trotzdem falsch. Bereits der Aufbau sorgt für eine gewisse Überraschung: der Mitschrift einer Rede Hessels vor allem zum Konflikt zwischen Israel und Palästina – sowie anschließenden Fragen aus dem Publikum – folgt ein ausführliches Interview des Herausgebers Roland Merk mit dem Vordenker einer empörten Generation.

Dass man Merk – im Übrigen studierter Philosoph, wie Hessel – die Begeisterung für seinen Gesprächspartner nicht selten anmerkt: geschenkt. Viel wichtiger erscheint die Tatsache, dass sich ein Dialog entwickelt, der spannend ist für jene, die thematisch bereits vorgebildet sind, aber auch für alle, denen das politische Konzept eines Richard Rorty oder Derridas ›Telé-technique‹ fremd sind.

Hessel nimmt während dieses Gesprächs Stellung zu allen drängenden Fragen unserer Zeit: Vertrauensverlust in Politiker, Finanzkrise oder Nahost-Konflikt. Dabei bleibt er stets Gesprächspartner auf Augenhöhe und wirkt nie belehrend. Vielmehr bezieht der ehemalige Diplomat seine Autorität aus seiner eigenen, persönlichen Geschichte. Nicht nur Teilnahme am Kampf des französischen Untergrundes während des Zweiten Weltkrieges und anschließende politische Inhaftierung durch die Nazis, auch sein Mitwirken an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN machen Hessels große Besorgnis um die Zukunft des menschlichen Zusammenlebens glaubhaft.

Wer nun denkt, Hessels einzige Absicht bestehe in der Aufforderung an andere sich zu empören, der irrt. Er belässt es nicht dabei, sondern bietet Lösungen für gegenwärtige und zukünftige Probleme an. Zentral ist für ihn hierbei die Frage, wie wir mit der »Übermacht der Finanzmärkte« umgehen, die für ihn »weder transparent noch politisch kontrolliert sind«. Und immer wieder geht es ihm hierbei um die Begriffe Würde und gegenseitiger Respekt. Beides ist für den Philosophen Voraussetzung dafür, ein System gleicher Chancen und fairer Verteilung zu etablieren. Wer also die Empörten dieser Erde verstehen will, dem sei die Lektüre dieses Buches empfohlen. Und vielleicht regt diese dann auch dazu an, der Empörung ein Engagement folgen zu lassen – wenn auch nur, wie Stéphane Hessel selbst vorschlägt, in der eigenen Nachbarschaft. Einem engagierten Weltbürger geht es nämlich nicht nur um den großen Wurf, sondern um verantwortliches Handeln in jeder Situation.

Oder wie Hessel es selbst ausdrückte: »Bleibt nicht dabei empört zu sein, sondern zeigt Verantwortung und engagiert euch. «

Stéphane Hessel, Roland Merk: An die Empörten dieser Erde! Vom Protest zum Handeln. Aufbau Verlag, 2012, 10,00 €, E-Buch 7,99 €.

Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

Veröffentlicht am 27. September 2013

Bruce Willis, Ihr Spam-Ordner ist voll!

von Anika Lehnert

Wir kennen das alle: Die Finanzkrise ist allgegenwärtig und zu allem Überfluss lässt die Gesundheit auch zu wünschen übrig (»abnehmende Sehstärke, Rückenbeschwerden, Knirscherschiene«). Da kann man schon mal melancholisch werden. Was hilft da besser, als sich mit seinem ehemaligen Bankberater, der noch viel melancholischer ist als man selbst, zu verabreden und über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu philosophieren, wie es gleich auf den ersten Seiten heißt: »Man kann kein Tagesgeldkonto verstehen, ohne zu verstehen, was ein Baum ist«.

Nach Der Kaiser von China, Tilman Rammstedts letztem, mehrfach prämierten Roman, ist unter dem Titel Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters nun ein actionreiches und aberwitziges Stück Literatur erschienen.
Mit den Worten »Sehr geehrter Herr Willis, geht es Ihnen gut?« beginnt der vierte Roman des studierten Philosophen und Literaturwissenschaftlers Rammstedt, der bereits auf der ersten Seite namentlich als Erzähler in Erscheinung tritt: »Mit freundlichen Grüßen, Tilman Rammstedt«.
Es werden zwei Erzählwelten aufgebaut, die einerseits von den Begegnungen des Schriftstellers mit seinem ehemaligen Bankberater berichten, andererseits die verzweifelten Versuche des Protagonisten Rammstedt dokumentieren, Bruce Willis als seinen neuen Romanhelden für sich zu gewinnen. Um so ärgerlicher, dass der Actionheld aus Stirb langsam einfach nicht auf die fürsorglichen Nachrichten des besorgten Autors antwortet: »Vielleicht erscheint Ihnen die Frage, ob es Ihnen gut geht, zu willkürlich […] Es ist nur so, dass ich zuletzt viel Zeit in Wartezimmern verbracht habe […] und dort las ich in einer Zeitschrift, dass es Ihnen zurzeit alles andere als gut gehe (Liebe, Körper, Beruf)«, wie der Schriftsteller in der dritten Email notiert.
Während der Ich-Erzähler eine abenteuerliche Geschichte eines Bankraubs mit seinem ehemaligen Bankberater entwirft, stellt sich schnell heraus, dass dieser melancholische Wegbegleiter wenig Potenzial zu einem Actionhelden in sich trägt. Nur Bruce Willis kann die beiden nun noch aus immer skurriler werdenden Situationen retten, sei es auf der Flucht per Fahrrad oder Ruderboot. Immer mit an Bord ist ein toter Hund, eine Katze war leider nicht aufzutreiben (denn auf Seite 49 des Romans lernen wir: »Bücher ohne Katze auf dem Umschlag würden sich einfach nicht mehr verkaufen«). Doch das Happy End scheint lange Zeit auszubleiben, wenn Herr Willis, trotz angebotenem Honorar von 500 Euro oder der Möglichkeit den Titel noch zu ändern, nicht reagiert. Da ist es nur nachvollziehbar, dass die Nachrichten des Schriftstellers immer energischer und verzweifelter werden.
Tilman Rammstedts neuer Roman besticht in erster Linie durch Kreativität und Erzählwitz. Der Leser wird jedoch auch durch eine ungewöhnliche Erzähltechnik herausgefordert, die an Wolf Haas’ Roman Das Wetter vor 15 Jahren erinnert, in dem ebenfalls ein fiktiver Autor im Vordergrund steht. Auf zwei Handlungsebenen fällt die Ausdifferenzierung von Wahrheit und Fiktion zunächst etwas schwer, wenn der Protagonist Rammstedt den gleichen Namen wie der Autor trägt. Das Spiel mit der Fiktion mündet letztlich in dem Clou, dass man den versprochenen Roman, indem Bruce Willis die Hauptrolle übernehmen soll, nun tatsächlich in den Händen hält. Sogar die obligatorische Katze hat es bis auf das Cover geschafft. Streckenweise erscheint die Erzählform in einseitiger Emailkommunikation, die anfangs noch sehr witzig ist, im weiteren Verlauf der Handlung etwas monoton. Doch gerade dieser Aspekt wiederum kennzeichnet die Erzählform des Romans.
Nicht zuletzt sorgen die in dreigliedrigen Klammern erfassten Argumente des Schriftstellers von Beginn an für komische Momente wie auf Seite 94: »Wir sitzen hier und freuen uns an all dem, was da ist (Ruhe, Details, unsere Bekanntschaft) und auf all das, was noch kommt (der nächste Schritt, der übernächste Schritt, ein glückliches Ende)«.
Trotz allen Schmunzelns über das phantasievolle Schreibabenteuer verbirgt sich hinter den verzweifelten Nachrichten an Bruce Willis der Wunsch, ein Actionheld könnte uns durch die Tiefen des Lebens tragen. Man wüsste, es würde hart werden und man trüge Blessuren davon, aber wie in jedem guten Stirb Langsam-Film würden die Guten gewinnen. So heißt es auch im Roman gegen Ende: »Nur damit du dir keine Sorgen machst […] es wird alles gut werden.
Ich weiß noch nicht genau wie, aber das wird es«.

Tilman Rammstedt: Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters. Dumont, 2012, 18,99 €. E-Buch 14,99 €.

Tor Ulven: Dunkelheit am Ende des Tunnels

Veröffentlicht am 26. September 2013

Bedenkliche Geschichten
Zu Tor Ulven: Dunkelheit am Ende des Tunnels

von Ali Zein

Wenn die Uhr zur Nacht schlägt, ist die Zeit gekommen, in der Tor Ulvens Prosa die Münder zu sprechen aufklappt. Gleich die erste Geschichte »Ich schlafe« zeigt Ulvens Nighthawks während einer Pause auf ihrem Flug in die Nacht. Es ist kurz nach drei, morgens, und wir werden nun für zehn Minuten lang zuhören: einem schick gekleideten Paar, das einem Kellner und einem alten, dreckigen Fettsack in einem drittklassigen Nachtcafé gegenübersitzt, welches in jeder größeren Stadt stehen könnte und in dem sich Gestalten herumtreiben, die von der Nacht nicht wissen, dass sie auch zum Schlafen da ist, ohne dass die Vier ein einziges Mal miteinander zu reden begönnen. Wir sehen sie aus irgendeinem Fenster heraus, schauen durch die Augensockel einer alten Frau, die unsichtbar für ihre Beute, wie eine Eule in der Baumkrone sitzt, und von ihrer Langeweile und dem Schnarchen des »Scheusals« neben ihr erdrückt zu werden droht. Unentwegt spricht jemand, trotzdem herrscht unheimliche Stille. Würden wir den Figuren nicht unter die Schädeldecke hören, wäre alles, was wir hörten, das Umfallen eines Pfefferstreuers, am Ende ein Knall – die Alte mutmaßt, war das ein Pistolenschuss oder Auspuffrohr. Gerade da erfahren wir nichts mehr, sie schließt die Augen, um zu schlafen, und mit ihren Augen die unseren. Der besondere Clou liegt in der Form. Ulven legt diesen zehnminütigen Voyeurismus als ein narratives Newtonpendel an, in dem mit jedem Absatzwechsel auch die Perspektiven und Stimmen wechseln und so jeder Gedanke, den die eine Figur in die stille Einsamkeit der Nacht hineindenkt sich wie ein Mosaikstein neben die Gedanken eines anderen stellt, ohne dass die Figuren sich auch nur einen Millimeter näher kämen, während sie verstohlene Blicke aufeinander richten und sich in Gedanken umkreisen und wünschen ihre eigene Tristesse und Belanglosigkeit gegen das als erfüllt imaginierte Leben ihres Gegenübers zu tauschen.

Nun ist eine solche Erzählkonstruktion von anderen bekannt, etwa aus Joyces »Irrfelsen«-Kapitel im Ulysses, doch Ulven verleiht seinen Figuren eine ganz eigenwillige Art zu sprechen, die eine Skala von Widerwärtigkeit über Mitleid bis zu trockener und sarkastischer Ironie abdeckt und manchmal wirklich zum lauten Lachen reizt. Das Unikum an Ulvens Sprache ist dabei, dass sie eigenartig unverbraucht in ihren Gedanken und Wörtern wirkt, obwohl sie es nicht unbedingt ist.

Auf dem hinteren Klappentext kann man lesen, dass Tor Ulven, geboren 1953 in Oslo, in den frühen 1970ern als bildender Künstler begann und 1976 auf der World Surrealist Exhibition ausstellte. Vor diesem Hintergrund wird eine zweite Besonderheit seiner Prosa klar, nämlich weshalb Bilder eine so imminente Rolle in seinen Texten spielen. Immer wieder versteckt er Anspielungen auf die Bildenden Künste. Die Anfangsgeschichte »Ich schlafe« ist gar als eine erzählerische Umsetzung von Edward Hoppers Nighthawks lesbar, auf dessen bildhafte Hermetik Ulven fast schon mit einer parodistischen Offenheit klaustrophobischer Mitternachtsbelanglosigkeiten antwortet.

Die vielleicht schönste Geschichte der Sammlung ist »Knochenklang«, die wohl radikalste der Abschlusstext »Ungeschrieben«. In »Knochenklang«, die musikalische Klänge als Metaphern durchwirken, ist der ganze Text in kleine Bewusstseinfragmente zertrümmert, ohne dass man entscheiden kann, ob es sich um reale oder fiktive, aktuelle oder erinnernde handele. Dem Leser kommt die Rolle zu, das Puzzle zusammenzusetzen und so die Geschichte eines jungen Mannes zu rekonstruieren, dem er je nach Lösung das Leben rettet oder ihn in die Hölle einer nie enden wollende »Musikbusfahrt« stößt.

In »Ungeschrieben« löst (oder sollte man sagen: löscht?) sich der Sprecher auf: »Ich existiere nicht. […] ich habe auch nie existiert, selbst in der fernsten Vergangenheit nicht […] oder in Zukunft« (129). Und doch zeugt er damit von den logischen Widersprüchen einer solchen Bewusstseinsselbstauslöschung. Hier entpuppen sich die Texte als Versuche der Aufgabe im doppelten Sinn: Sie wollen zur Grenzerfahrung des Endes vordringen, nicht mehr reden und vielleicht nicht mehr bewusst sein müssen, wissen aber um die unauflösliche Spannung, dass Erfahrung Bewusstheit erfordert und geben auf. Hiervor ist eventuell der norwegische Originaltitel Vente og ikke se (»Warten und nichts sehen«) lesbar.  Gerade diese letzte Geschichte wurde im deutschen Feuilleton als der Höhepunkt eines durchweg depressiven, todessehnsüchtigen Buches gelesen.

Wenn wir an den biographischen Umständen interessiert wären, die die angebliche Geburtskammer eines solchen Buches bildeten, könnten wir sagen, es war Ulvens letztes Buch, denn nach Vente og ikke se hat er sich aufgehängt. Ab jetzt aber halten wir diese Tür wieder verschlossen, damit das dahinter dräuende Klischee ein so wunderbar ironisches, intelligentes und avanciertes Buch nicht erdrückt. Besser klingt es, dass Dunkelheit am Ende des Tunnels Ulvens erstes auf Deutsch vorliegendes Buch ist und dass es dem deutschsprachigen Leser genügend Beweise liefern wird, sich zu erklären, weshalb Tor Ulven achtzehn Jahre nach seinem Tod als einer der wichtigsten Nachkriegsautoren Norwegens gilt. Es ist also höchst erfreulich, dass ein Wiener Verlag darauf aufmerksam gemacht hat, dass es ihn gibt, dass man ihn auch in Deutschland entdecken kann, wo ihm nicht mal das KLfG einen Eintrag widmet.

Worauf der Verlag hätte verzichten können, ist dieses weiß-goldene Edeltrödeldesign mit dem großen schwarzen Sog auf dem Cover. Das wirkt unfreiwillig witzig, wenn man den titelgebenden Text, der »Eine nicht-pornographische Geschichte« untertitelt ist, darauf bezieht. Denn die Dunkelheit am Ende des Tunnels verweist auf die Dunkelheit einer beim Anblick kopulierender Mücken fantastierten Vagina. Dieses Buch ist keine Bettlektüre, die man nachts zur Seite legt, Ulvens Prosa ist die Erzählung der Nacht. Könnten deutsche Schriftsteller was von Ulven lernen? Dies ist eine rhetorische Frage.

Tor Ulven: Dunkelheit am Ende des Tunnels. Geschichten. Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel. Droschl Verlag, 2012,  19,00 €.

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