Druck                                                                                                                                                                        

                   Klassiker im Kontext

 
Zur Funktionsweise medialer Transferprozesse
am Beispiel frühneuzeitlicher Klassikerverdeutschungen
(
ca. 1460/70 bis ca. 1580/1600)

 

Der Bezug auf die Antike und deren herausragende Werke und Autoren ist für die Literatur des 15./16. Jahrhunderts bekanntlich zentral. Im Unterschied zur lateinischen und vernakularen romanischen Literatur hat man der kontemporären deutschen Literatur oft abgesprochen, auf diese Herausforderungen angemessen reagiert zu haben. Es hat jedoch durchaus Unternehmungen gegeben, die auf eine Verdeutschung literarischer und philosophischer Klassiker der Antike zielen – diese wurden in der Forschung allerdings nur wenig beachtet. Erhalten sind sie in Handschriften des 15. und vor allem in medial ambitionierten, experimentierenden Drucken des 15. und 16. Jahrhunderts. An einem ausgewählten Korpus dieser Klassiker-Verdeutschungen (Aesop, Boethius, Cicero, Terenz, Ovid, Vergil), die noch nicht systematisch und vor allem noch niemals für eine so lange und entscheidende Phase der Druckgeschichte (ca. 1460/70 – ca. 1580/1600) unter dieser Fragestellung analysiert wurden, sollen im Projekt die komplexen medialen Transferprozesse und die damit zusammenhängenden kulturräumlichen Kontextualisierungen untersucht werden, die eine Verortung im vernakularen Umfeld ermöglichen.

Das Projekt verfolgt dabei eine doppelte Zielsetzung, indem es (1.) untersucht, wie und warum die äußere Textgestalt der komplexen literarischen und philosophischen Werke bei der Übertragung in druck- oder handschriftliche Vermittlungsmodi verändert wird, um von da (2.) zu klären, welche Auswirkungen die beobachteten materiellen Differenzen für die Formierung und funktionale Ausgestaltung neuer laienkultureller Kommunikationsräume haben. Um die überaus vielschichtige und langfristige typographische Entwicklung mit ihren kognitiven Implikationen adäquat in den Blick zu bekommen, bietet sich eine Analyse deutscher Klassikerübersetzungen an, da bei Einbürgerung und Aneignung der als autoritativ geltenden Werke mit einem ganz besonderen Vermittlungsaufwand und spezifischen Verfahren der Herstellung kultureller Kontakte zu rechnen ist, der und die auf der Ebene der schriftbezogenen Textpräsentation methodisch kontrolliert beobachtbar sind. Anders als man annehmen könnte, sind es in diesem Fall gerade auch die stark konventionalisierten Layout-Muster der Klassikerüberlieferung vor dem Buchdruck, durch welche die Frage nach den Folgen des Medienwandels für die Präsentation und kommunikative Vermittlung dieser Texte eine ganz eigene Prägnanz gewinnt.

Das Projekt ist in zwei Teilprojekte gegliedert: Während das erste Teilprojekt darauf abzielt, die intendierten Rezeptionsmodi und -kontexte der Klassikerverdeutschungen anhand ausgabenspezifischer Untersuchungen ihrer Paratexte zu ermitteln, untersucht das komplementäre zweite Teilprojekt ihre tatsächlichen Gebrauchszusammenhänge anhand der Rezeptionsspuren einzelner Exemplare.

Darüber hinaus untersucht das Projekt jene Konstellationen und Kommunikationskontexte, die sich im späten 15. und während des 16. Jahrhunderts – im Kontakt und in Auseinandersetzung mit lateinischen Humanistenkreisen – im Umfeld einzelner Drucker, Druckzentren, Städte, Höfe oder Bildungseinrichtungen herauskristallisieren, die sich oft in engen Austauschbeziehungen oder auch in Konkurrenz miteinander stehend, experimentierend an der Verdeutschung lateinischer Klassiker abarbeiten.

Das Projekt ist inzwischen in der zweiten Projektphase angekommen, die sich mit Klassikerverdeutschungen der Werke Vergils und Ovids befasst (Laufzeit bis 2019).

(english)


 

Die oben stehende Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus dem lateinisch-deutschen Koberger-Druck der "Consolatio Philosophiae" des Boethius von 1473 (Berlin, SBB, Inc. 1640) mit Annotationen. Die ausgewaschenen Benutzerspuren sind unter dem blauen Licht einer Quarzlampe wieder lesbar gemacht worden. Für die Aufnahme danken wir der Staatsbibliothek zu Berlin und dem Gesamtkatalog der Wiegendrucke für die freundliche Unterstützung.