Interview

Martin Bollacher, Ruhr-Universität Bochum:

Interview mit den Manen des Herrn von Goethe (A. D. 1999)

 

MB:     Exzellenz, Sie gelten nach wie vor als der größte, sprachmächtigste und einflußreichste Dichter der Deutschen, eines, weiß Gott, schwierigen Volkes, das sich gerade wieder nach langer Trennung vereinigt hat. Der staatlichen Einheit scheint aber keine innere Einheit zu entsprechen. Wie denken Sie über die Wiedervereinigung?

JWvG: Mir ist nicht bange, daß Deutschland nicht eins werde; unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das Ihrige tun. Vor allen aber sei es eins in Liebe untereinander!

MB:     Dennoch scheinen Sie, Herr Minister, von Deutschland im Ganzen keine hohe Meinung zu haben.

JWvG: Deutschland ist nichts, aber jeder einzelne Deutsche ist viel.

MB:     Herr Geheimrat, trotz Ihrer vielfältigen politischen Ämter haben Sie sich nur selten mit der Tagespolitik eingelassen. Heißt das, daß …

JWvG: Sowie ein Dichter politisch wirken will, muß er sich einer Partei hingeben, und sowie er dieses tut, ist er als Poet verloren; er muß seinem freien Geiste, seinem unbefangenen Überblick Lebewohl sagen und dagegen die Kappe der Borniertheit und des blinden Hasses über die Ohren ziehen.

MB:     Aber vielleicht könnten Sie sich, Herr Hofrat, mit der gerade neu gewählten Regierung anfreunden, die die christlich-liberale Koalition nach 16 Jahren abgelöst hat? Eine Politik im Zeichen des Kreuzes gehört wohl der Vergangenheit an.

JWvG: Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen Dinge

Duld ich mit ruhigem Mut, wie es ein Gott mir gebeut.

Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider,

Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und V.

MB:     Das ist ein hartes, vielleicht zu hartes Wort! Vielleicht gilt Ihre Sympathie der liberalen Partei?

JWvG: Wenn ich von liberalen Ideen reden höre, so verwundere ich mich immer, wie die Menschen sich gern mit leeren Wortschällen hinhalten: eine Idee darf nicht liberal sein! Kräftig sei sie, tüchtig, in sich selbst abgeschlossen.

MB:     Und was, Exzellenz, halten Sie von der Partei, die die Egalität aller Bürger auf ihre Fahnen geschrieben hat und der unser derzeitiger Regierungschef angehört, ein Erster unter Ranggleichen?

JWvG: Das Größte will man nicht erreichen,

Man beneidet nur seinesgleichen;

Der schlimmste Neidhart ist in der Welt,

Der jeden für seinesgleichen hält.

MB:     Nun, das werden unsere sozialdemokratischen Funktionäre nicht gerne vernehmen! Da Sie, Herr Geheimrat, der mütterlichen Natur immer mit Ehrfurcht und Liebe begegnet sind, gilt Ihre Zuneigung also wohl der Partei der Grünen. Zumindest müßte Ihnen die Farbe willkommen sein.

JWvG: Unser Auge findet in derselben eine reale Befriedigung. Man will nicht weiter, und man kann nicht weiter. Deswegen für Zimmer, in denen man sich immer befindet, die grüne Farbe zur Tapete meist gewählt wird.

MB:     Sie haben, verehrter Meister, sich öfters über den zerstreuten und verwirrten Zustand unseres Gesellschaftslebens beklagt. Als ein Beispiel solch universeller Verwirrung und Verirrung möchte ich die sog. Lewinsky-Affäre erwähnen. Eine junge Dame hat mit dem mächtigsten Mann der Welt, dem Präsidenten Amerikas – der, nebenbei bemerkt, ein Mann von 50 Jahren, verheiratet und Vater einer hoffnungsvollen Tochter ist – geheime Buhlschaft getrieben. Anstatt Stillschweigen zu bewahren, reist dieses Frauenzimmer durch Europa, um seine erotisch-priapeischen Erlebnisse in schamloser Marktschreierei zu versilbern. Ihr Kommentar zu dieser Hanswurstiade?

JWvG: Mich däucht das grösst bey einem Fest

Ist wenn man sichs wohl schmecken lässt

Und ich hab keinen Appetiet

Als ich nähm gern Ursel auf n Boden mit

Und aufm Heu und aufm Stroh

Jauchtzen wir in dulci iubilo.

MB:     Pardon, Herr Geheimrat, Sie schlüpfen hier schalkhaft-ironisch in die Rolle des Hanswursts, zitieren also eine dramatis personam aus Ihren lebhaften Sturm-und-Drang-Tagen. Wir sollten aber die jungen Damen unserer Hohen Schule nicht erröten machen, denn sie kommen reinen Herzens – viele stammen aus den friedlichen Gebirgstälern des Sauerlandes – in unsere Lehranstalt, voller Wißbegier und mit dem zartesten Sinn für Sitte und Anstand.

JWvG: Willst du genau erfahren, was sich ziemt:

So frage nur bei edlen Frauen an.

Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie,

Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts.

MB:     Ein schönes, ein hehres Wort aus dem Munde des olympischen Dichterfürsten! Übrigens: die Frauen erobern heute mehr und mehr die Akademien, die Hörsäle genauso wie die Katheder, und auch Ihr unerschöpfliches Werk, das ja dem Ewig-Weiblichen noble Reverenz erweist, ist mehrfach Objekt feministischer Befragung – freilich oft im populären Stile – gewesen.

JWvG: Die Wissenschaft selbst kann durch eine solche Behandlung wohl nicht gewinnen, wie wir auch in neuerer Zeit durch das Feminisieren und Infantisieren so mancher höheren und profunderen Materie gesehen haben.

MB:     Noch eine Frage, Herr Minister, zum Corpus unserer an Akademien lehrenden Professoren. Dem wissenschaftlichen Nachwuchs wird, wegen übergroßer Sparmaßnahmen, der Zugang zu den universitären Etablissements erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht, und die mit Amt und Würden versehenen Ordinarii und Extraordinarii neigen sich mehr und mehr dem Greisenalter zu.

JWvG: Professoren, so gut wie andere in Ämtern angestellte Männer, können nicht alle von einem Alter sein; da aber die jüngeren eigentlich nur lehren, um zu lernen, und noch dazu, wenn sie gute Köpfe sind, dem Zeitalter voreilen, so erwerben sie ihre Bildung durchaus auf Unkosten der Zuhörer, weil diese nicht in dem unterrichtet werden, was sie eigentlich brauchen, sondern in dem, was der Lehrer für sich zu bearbeiten nötig findet. Unter den ältesten Professoren dagegen sind manche schon lange Zeit stationär; sie überliefern im ganzen nur fixe Ansichten, und, was das einzelne betrifft, vieles, was die Zeit schon als unnütz und falsch verurteilt hat. Durch beides entsteht ein trauriger Konflikt.

MB:     Viele klagen über den desolaten Zustand unserer Muttersprache, die auf der Straße vulgarisiert, in Gazetten trivialisiert und sogar von Amts wegen zu einem hybriden deutsch-englischen Sprachbrei verrührt wird. Die professionellen Sprachwissenschaftler beschränken sich aufs Beobachten und Beschreiben des ‚Sprachwandels‘, Purismus ist verpönt. Wie sehen Sie als der nach Doktor Martinus Luther genialste deutsche Sprachschöpfer die Situation unserer kujonierten Muttersprache?

JWvG: Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern, ist das Geschäft der besten Köpfe. Reinigung ohne Bereicherung erweist sich öfters geistlos; denn es ist nichts bequemer, als von dem Inhalt absehen und auf den Ausdruck passen. Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe; der geistlose hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat.

MB:     Hochinteressant, Exzellenz, Ihr Standpunkt! Wollten Sie uns von der Philologie und der von Ihrem Zeitgenossen Professor Schleiermacher entwickelten Hermeneutik, der Kunstlehre des Verstehens gesprochener und geschriebener Texte, nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen? Immerhin obliegen die beflissenen Studiosi und Studiosae unseres Lehrinstituts tagaus tagein dem diffizilen Geschäft der Textauslegung, und nicht selten sind gerade in Ihren poetischen Schriften harte Nüsse zu knacken.

JWvG: Im Auslegen seid frisch und munter!

Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.

MB:     Ha, ha, ha, der köstliche Humor steht Ihnen gut zu Gesichte, Herr Geheimrat! Noch eine Frage möchte ich submissest an Sie richten: im gegenwärtigen Jahre 1999 wird in der ehemaligen Haupt- und Residenzstadt Weimar, aber auch überall in den deutschen, ja europäischen und sogar transozeanischen Landen, Ihres Geburtstages vor nunmehr 250 Jahren in aufwendigster Manier gedacht. In Weimar treibt der rastlose Administrator des klassisch-deutschen Erbes, ein in Geldgeschäften und Handels-Affären versierter Tausendsassa namens Kauffmann – nomen est omen – sein kommerzielles Unwesen und ließ – o verwerfliche Ausgeburt seines Handelsgeistes – eine exakte Kopie Ihres behaglichen Gartenhauses an der Ilm errichten. Von früh bis spät werden Ihre Dramen inszeniert, Ihre Gedichte rezitiert und kommentiert, Ihre Romane analysiert, Ihre wissenschaftlichen Theorien seziert und Ihre Maximen memoriert. Glauben Sie denn …

JWvG: Getretner Quark

Wird breit, nicht stark.

MB:     Ein denkwürdiges Schlußwort! Exzellenz, ich danke Ihnen für das Gespräch.