Promotionen

Laufende Promotionen:

Steffen Roenspieß
Ornament – Raum – Gedächtnis. Zu einer Formentheorie der Kunst

Ornamente lassen sich als vielgestaltige Phänomene beschreiben, die in den verschiedensten Kunstgattungen, wie Literatur, Architektur, Malerei und Skulptur, vorkommen. Ausgehend von der antiken Rhetorik und ihrer ortsbezogenen Mnemotechnik werden sie als Redeschmuck (ornatus) immer wieder in Bezug auf Aspekte des Raums und der Zeit (bzw. Gedächtnis) thematisiert. In dieser Arbeit soll davon ausgegangen werden, dass Ornamente Raum und Zeit auf unterschiedlichste Weise strukturieren und damit einen wichtigen Beitrag zur Stilbildung in den Künsten leisten. Somit hat sich über die Zeit eine breite ornamentale Formenvielfalt entwickelt, die kaum noch umfassend theoretisch eingefangen werden kann. Ein besonderes Problem dabei ist die dreifache Natur von Ornamenten. Sie werden immer wieder als mathematische (geometrische), natürliche und soziale Formen begriffen, was eine konsistente Theoriebildung erschwert. So finden sich mathematische (vor allem gruppentheoretische), kunst- und literaturtheoretische wie sozialphilosophische Ansätze.

Mit der Theorie der Form, die der späte Niklas Luhmann und nach ihm Dirk Baecker ausgehend von George Spencer-Browns „Laws of Form“ entwickelten, erscheint es allerdings möglich, einen zusammenhängenden Zugang zu diesem heterogenen Feld zu erreichen. Diese bietet die Möglichkeit über (rekursive) algebraische Funktionen, mathematische Aspekte, durch die Einbettung in eine autopoietische Theorie, Aspekte der Natürlichkeit und durch die Einbettung in eine Kommunikationstheorie, soziale Aspekte zu erfassen.

Darüber hinaus kann mit Spencer-Browns Formenkalkül, wie Louis Kauffman gezeigt hat, ein besonderes Augenmerk auf die Topologie bzw. Knotentheorie der Ornamente gelegt werden, was eine Neuinterpretation von Gottfried Sempers Ornamenttheorie des Textilen möglich macht. In dieser Arbeit soll zum einen der formentheoretische Rahmen erarbeitet sowie zum anderen an ausgewählten Beispielen gezeigt werden, wie sich Ornamente nach ihrer inneren disseminativen Struktur in Bezug auf Raum und Gedächtnis entfalten.

 

Linda Leskau
Sadismus/Masochismus. Eine Untersuchung literarischer Fallgeschichten um 1900

Die Begriffe ‚Sadismus‘ und ‚Masochismus‘ wurden im Jahre 1890 von Richard von Krafft-Ebing in seiner Studie Neue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia sexualis und ein Jahr später in der 6. Auflage der Psychopathia sexualis in den deutschsprachigen sexualpathologischen Diskurs eingeführt. Auf dieses diskursive Ereignis folgte in beiden Disziplinen, der Wissenschaft sowie der Literatur, eine rege Beschäftigung mit Fallgeschichten des Sadismus und Masochismus als Formen sexueller Devianz. Diese verweist per definitionem auf eine Abweichung von der in einer Gesellschaft als hegemonial konstruierten und institutionalisierten Norm(alität), insofern hier, zunächst einmal ganz grundlegend betrachtet, der Bereich der Wollust mit dem Bereich der Gewalt bzw. der Grausamkeit vereint wird. Weiterhin macht schon diese Diskursbegründung durch Krafft-Ebing, bei welcher er explizit auf die Literaten Marquis de Sade und Leopold von Sacher-Masoch verweist, ein generelles Phänomen der Sexualpathologie deutlich: die enge Verflechtung von Wissenschaft und Literatur, die auch in anderen Studien, welche sich mit sexuellen Devianzen beschäftigen, zu beobachten ist.

Das Ziel der Dissertation ist es, eine Analyse des um 1900 im deutschsprachigen Raum aufkommenden Diskurses zu Sadismus und Masochismus vorzunehmen; ermittelt werden soll die zu dieser Zeit herrschende normative Ordnung bzw. das Regelsystem des Denk- und Sagbaren des Sadismus- bzw. Masochismus-Diskurses, wobei die Arbeit den Fokus auf literarische Fallgeschichten legt. Das Phänomen des Lustmords, als spektakulärer Extremfall des Sadismus – eng verflochten mit der Kriminologie – ist von der literaturwissenschaftlichen Forschung ausgiebig analysiert worden, es steht jedoch eine systematische literaturwissenschaftliche Analyse von literarischen Texten um 1900 aus, die zum einen Sadismus und Masochismus gemeinsam in den Blick fasst und zum anderen nicht nur ihre Extreme betrachtet. Die Arbeit geht davon aus, dass literarische Texte eine bedeutende Rolle innerhalb der Entstehung und Ausweitung des Diskurses zu Sadismus und Masochismus gespielt haben. Aus diesem Grund wird besonders das Verhältnis zwischen Wissen und Literatur, d. h. die vielfachen und reziproken  Wissenswanderungen (Sprache, Form, Inhalt etc.) zwischen den wissenschaftlichen und literarischen Diskursfragmenten der Thematik Sadismus und Masochismus, und außerdem die Rolle der Literatur, Ort und Raum für mögliche Gegendiskurse zu bieten, untersucht.

 

Thomas Haberl
Masse und Moral in Goethes Werk

Johann Wolfgang von Goethe gilt allgemein als ein Vertreter des Humanismus, der an die Fähigkeit des Menschen zu körperlicher, intellektueller und auch sittlicher Vervollkommnung glaubt. Doch hat diese Vorstellung wenig mit dem gemein, womit der Leser bei Goethe wirklich konfrontiert werden: Der Selbstmörder Werther, der Gelehrten Faust, der einen Pakt mit dem Teufel eingeht, dann Mignon, dem Kind aus einem Inzest, oder schließlich der Landadelige Eduard, der durch seine Triebgesteuertheit gleich zwei Frauen ins Unglück stürzt. Die Reihe ließe sich lange fortsetzen. Mit Blick auf die Figurenkonstellationen sind wir in Goethes literarischem Werk ständig mit moralisch zumindest problematischen Charakteren konfrontiert. Das Provozierende dabei ist, dass diese moralischen Fragwürdigkeiten keineswegs aufgelöst oder geordnet werden – zumindest nicht im Sinne der zeitgenössischen Vorstellungen von Ordnung. Statt einer der Seiten von Gut und Böse zugeordnet werden zu können, wandeln diese Figuren immer mal auf der einen und dann wieder auf der anderen. Seite, mal auf der anderen. Mag diese Hybridität den klassischen Vorstellungen, die man mit Goethe verbindet, erst einmal völlig zuwiderlaufen, scheint diese vor dem Hintergrund der sozialen und politischen Umwälzungen zur Entstehung dieser Werke – Koselleck hat in der neueren Forschung dafür den Begriff „Sattelzeit“ geprägt – nur allzu logisch. Doch inwieweit hat die Emanzipation der Volksmassen, die in der Französischem Revolution ihren Höhepunkt fand, Einfluss auf Goethe? In der Forschung wurde die Bedeutung der Masse als Leitbild in Goethes Werk bisher wenig beachtet, dabei spielt sie eine maßgebliche Rolle in allen seinen großen Dramen und Romanen, von seinen Anfängen als Stürmer und Dränger bis hin zu seinem Alterswerk. Die Darstellung der Masse als ein sich immer wieder neu konstituierender und dadurch unberechenbaren Faktor hat großen Einfluss auf die Konstruktion von Normalität in Goethes Werk: Gut und Böse werden damit eben zu hybriden Kategorien, die immer wieder aufs Neue hinterfragt werden müssen. Diese Sichtweise hat großen Einfluss auf sein gesamtes Weltbild und lässt sich auch in seinen naturwissenschaftlichen Schriften nachweisen und ist schließlich auch ein Schlüssel zur Dechiffrierung der gebrochenen Erzählweise seines Alterswerk.

 

Abgeschlossene Promotionen:

Raphaela Tkotzyk
Kooperationspartner – Zur sozialen Konstruktion zeitgenössischer TV-Ermittlerteams in deutschen Krimiserien

Sie werden als Ikonen starker Weiblichkeit bezeichnet: TV-Kriminalkommissarinnen. Zur Prime Time lösen sie ihre Fälle mal knallhart, mal weiblich raffiniert, mal mehr intuitiv, mal betont analytisch, während ihr männliches Pendant, einst alleiniger Bewahrer der Ordnung sowie Beschützer der Schwachen, zu einem musizierenden Softie verkommt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die fiktiven Ermittlerinnen das traditionelle Geschlechterverhältnis ins Wanken bringen, welches der Frau den Platz im Haushalt und bei den Kindern, dem Mann, als Repräsentant der öffentlichen Welt, den Bereich außerhalb des Hauses, zuteilt.

Bedeutend für diese Einteilung sind die Geschlechterstereotype, die ein umfassendes System von Alltagsannahmen über die Geschlechter darstellen und das ihnen anhängige Rollenverhalten. Sie entscheiden maßgeblich darüber, welcher soziale Status einem Individuum in unserer Gesellschaft zugesprochen wird und generieren dadurch ein soziales Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Genus-Gruppen, welches zu einer sozialen Benachteiligung von Frauen führt.

Obwohl  sich innerhalb der letzten 25 Jahre, das Rollenverhalten der Frauen immer stärker an das der männlichen Genus-Gruppe angeglichen hat, erfahren Frauen nach wie vor eine systematische Benachteiligung. Diese ist besonders stark in der Arbeitswelt zu spüren, denn immer noch werden Geschlechterstereotypen und die mit ihnen einhergehenden gesellschaftlichen Betrachtungsweisen der jeweiligen Genus-Gruppen sowie berufsspezifische Anforderungen, ungeachtet der tatsächlichen Qualifikation eines Individuums für diesen Beruf, einander zugeordnet bzw. voneinander abhängig gemacht.

Im Hinblick auf die fiktiven Ermittler und Ermittlerinnen scheint diese Feststellung nicht zu zutreffen. Daher stellt sich die Frage, ob und inwieweit sich ihre soziale Konstruktion an den traditionellen Geschlechterstereotypen orientiert und damit der sozial geteilten Erwartungshaltung von dem, was einen Mann und eine Frau ausmacht und ausmachen soll, überhaupt entspricht. Mit besonderem Fokus auf das Ermittlerteam möchte diese Arbeit dieser Frage nachgehen.