Aktuelles

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Gryphius-Handbuch. Berlin/Boston 2016.

Gryphius-HandbuchUnter den Autoren des 17. Jahrhunderts gehört Andreas Gryphius zweifellos zu den am besten erforschten. Seit der großen Konjunktur der Barockforschung in den 1960er und 70er Jahren hat sich monographisch und in Aufsätzen eine facettenreiche Forschungslandschaft entwickelt. Die Anstrengung einer umfassenden Gesamtdarstellung zu Leben und Werk ist hingegen nicht mehr unternommen worden. 

Auf dieses Desiderat reagiert das Gryphius-Handbuch in mehrfacher Hinsicht: Als autonom benutzbarer Überblick informiert es, forschungsgeschichtlich perspektiviert, auf dem Stand der aktuellen Forschungsdiskussion zu Autor und Werk sowie zu deren zeitgenössischer wie nachfolgender Rezeption. Zugleich erproben die 38 textzentrierten Kapitel des plural angelegten Handbuchs das Erschließungspotential auch neuerer literatur- und diskurstheoretischer Ansätze. Strukturgebend ist die Kombination von Textzentriertheit und systematischer Verstrebung: Komplementär zu den Lektüren einzelner Werke oder Werkgruppen eröffnet das umfangreiche alphabetisch organisierte Kapitel »Systematische Aspekte« in zwölf Einträgen Perspektiven zu poetologischen Konzepten und historischen Rahmenbedingungen, wie sie für Gryphius’ Schreiben maßgeblich sind. Gegenüber der älteren Forschungstradition, sich auf wenige kanonische Sonette, Trauer- und Lustspiele zu konzentrieren, erweitern Artikel zu den Leichabdankungen, Oden, Übersetzungen und Bearbeitungen das Referenzcorpus beträchtlich. Dabei zeigt sich: auch diesen Texten ist eine eigene Ästhetik zuzutrauen, die sich gegenüber geschlossenen Deutungssystemen als durchaus widerständig erweist.

 

Neue Publikation

Zuschauer im Eckfenster 1821/22 oder Selbstreflexion der Journalliteratur im Journal(text). Mit einem Faksimile des Zuschauers vom April/Mai 1822. Hannover 2015.

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Üblicherweise liest man »Des Vetters Eckfenster« als Erzählung E. T. A. Hoffmanns, mit Blick auf das Schicksal des gelähmten Vetters und das Erscheinungsdatum zwei Monate vor Hoffmanns Tod nicht selten mit autobiographischen Implikationen. Das vorliegende Buch schlägt, ausgehend vom Veröffentlichungsort des Textes, der Berliner Zeitschrift Der Zuschauer, in der »Des Vetter Eckfenster« vom 23. April bis zum 4. Mai 1822 in Fortsetzungen veröffentlicht wird, eine andere Lesart vor. Eine Lesart, die die Autorschaft des gesunden, den Gelähmten besuchenden und mit ihm aus dem Eckfenster schauenden Vetters ernstnimmt und die Publikation im Zuschauer ihm zurechnet.

Das Szenario stellt sich dann auf einmal sehr anders dar, konflikthaltig: Der eine, der schreibende und in Fortsetzungen veröffentlichende Vetter ist zugleich unübersehbar als illiterat markiert; der andere, der gelähmte Dichter, veröffentlicht nicht mehr. Nicht im Zuschauer, in dem seit 1821 vielerlei Schaulustige, unter ihnen auch E. T. A. Hoffmann, das Hauptstadttreiben beobachten und davon erzählen, journalistisch berichten, es rezensieren. Doch auch keine unsterblichen Werke in Buchform mehr. Diese Schreibblockade läßt sich zwar auch als kritischer Kommentar zum zeitgenössischen Literaturbetrieb lesen, nur bekümmert der sich nicht darum. Nicht einmal der eigene, literarisch unbedarfte Vetter tut das, erzählt und publiziert vielmehr auf eigene Hand. Signum dieses Erzählens und Publizierens in Fortsetzungen aber ist ein nur scheinbar nebensächlicher Blickfang: der dernier cri der hauptstädtischen Modewelt nämlich, der rothe Shawl…

In diesem journalliterarischen Horizont erscheint »Des Vetters Eckfenster« nicht als distinkt sich abschließendes literarisches Werk, sondern als Brennpunkt, in dem sich die in der Zeitschrift Der Zuschauer über den gesamten Erscheinungsverlauf 1821/22 ausgetragenen oder in Szene gesetzten Debatten um Autorschaft, Publikationsformen, Publikum, Stellenwert und Relevanz von Literatur sammeln und im Konflikt der Vettern scharfgestellt werden. Seine Grenzen hat der »Eckfenster«-Text somit bestenfalls im Zeitblatt Der Zuschauer, genaugenommen noch nicht einmal dort.

 

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Zeitschriftenliteratur/Fortsetzungsliteratur. Hannover 2014 (Bochumer Quellen und Forschungen zum 18. Jahrhundert, 6), (hg. zus. mit Nora Ramtke und Carsten Zelle)

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Folgt man weiten Teilen der Forschung, scheint sich die Buchförmigkeit von Literatur von selbst zu verstehen. Dabei werden literarische Texte seit der Medienrevolution des 18. Jahrhunderts, zumal im Bereich der Erzählliteratur, dominant in einer anderen Veröffentlichungsform erstpubliziert und rezipiert: im Journal, d.h. in Literaturzeitschriften, Unterhaltungs- und illustrierten Familienblättern, in Tageszeitungen und anderen periodischen Publikationsformen. Der gänzlich differente mediale Aggregatzustand, in dem Literatur unter den Formatbedingungen des Journals lieferungsweise, unabgeschlossen, in der Fläche der Zeitschriften- oder Zeitungsseite neben, über, unter anderen (Fortsetzungs-)Texten erscheint, bleibt ihr nicht äußerlich, sondern konditioniert vielmehr in spezifischer Weise ihre zeitgenössische Rezeption. Das betrifft nicht nur vergessene oder als zweitrangig abgewertete Texte, sondern gerade einen erheblichen Teil der (noch nicht durch Kanonisierung medial isolierten) ›Werke der Hochliteratur‹ und hat eine in ihrem strukturbildenden Potential erst noch zu entdeckende Vorgeschichte, die bis zu den Moralischen Wochenschriften zurückreicht. Der vorliegende Band versammelt Beiträge, die die terra incognita aus germanistischer Sicht in einem Werkstattgespräch an der Ruhr-Universität Bochum im Mai 2012 exemplarisch zu erkunden unternommen haben und sich als Vorstudien zu einem größeren Forschungsprojekt zur Journalliteratur begreifen.

 

 

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ORIGINAL-PLAGIAT. Peter Marteaus Unpartheyisches Bedenken über den unbefugten Nachdruck von 1742 Quellenkritische Edition und Kommentar Von Nicola Kaminski, Benjamin Kozlowski, Tim Ontrup, Nora Ramtke, Jennifer Wagner

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Als 1731 der Verleger Johann Heinrich Zedler sein Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste auf dem Leipziger Buchmarkt zu etablieren sucht, beherrscht allenthalben der Vorwurf des »Nachdrucks« den verlegerischen und kritischen Diskurs, wiewohl der inkriminierte Tatbestand (auch zeitgenössisch) plagium heißen müßte. Zedlers unter dem Decknamen der »Musen« operierende Lexikon(ab)-schreiber realisieren das Universal-Lexicon aber nicht nur als ›großes, vollständiges Universal-Plagiat‹; bisweilen legen sie (jenseits ökonomischer Interessen) in pointierter Ostentation auch Zeugnis ab von dessen Zustandekommen. So besonders prominent 1740 im Artikel »Nachdruck derer Bücher«, der beinahe wörtlich eine gegen den ›Nachdruck‹ des Universal-Lexicons gerichtete Polemik ›nachdruckt‹ und derart gegen das eigene Textproduktionsverfahren Position bezieht. 1742 erscheint unter dem Titel Unpartheyisches Bedenken, worinnen … bewiesen wird, daß der unbefugte Nachdrukprivilegirter und unprivilegirter Bücher Ein … infamer Diebstahl sey in »Cölln / bey Peter Marteau« ein Text, der noch weiter geht, indem er sich aus dem »Nachdruck derer Bücher« und dessen plagiierter Vorlage speist. Damit tut dieses denkbar unökonomischste aller Plagiate den Schritt vom plagiierten Original zum originalen Plagiat und spitzt dies in einer regelrecht systematischen Versuchsanordnung zu der Frage zu, wie aus plagiiertem Text originaler Text wird. Die vorliegende Edition unternimmt es, diese in der schieren textuellen Performanz sich vollziehende Reflexion von Textproduktionsstrategien in doppelter Darbietung des Unpartheyischen Bedenkens offenzulegen: im Faksimile nach dem Exemplar der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek, Hannover, und in einer die Prätexte buchstabengenau kenntlich machenden Neuedition. Deren (prä)textuelle Resultate werden im Stellenkommentar insbesondere juristisch kontextualisiert, in der Einleitung mit Blick auf den systematischen Konnex von Plagiats- und Originalitätsdiskurs in übergreifende Deutungszusammenhänge gestellt. www.original-plagiat.net